SCHAMANISMUS


Spalte und herrsche
Unsere ganzheitliche matrizentrische Spiritualität ist zerstückelt worden.
In blinden Glauben,  trockene Wortgottesdienste und kopulierende Blumenarrangements.
In Ehe, Seitensprung, Prostitution und Pornografie.
In oberflächliche Rituale und beschwipste Geselligkeit.
In Entfremdung, Vereinzelung, Hierarchisierung, Doppelmoral und Gewalt.
In Konsum, Konkurrenz, Kapitalismus, Kolonialismus und Krieg.
In Übernutzung und Zerstörung der Lebensräume.

©Text Damian Bugmann 2009, «Planet und Primaten», Verlag Lux&Bär


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«Mit der Marktwirtschaft ist die Zeit der Schurken angebrochen.» Germanist und Schamane Galsan Tschinag. Bild: zVg

Bewusstes Wahrnehmen und Handeln

Tschingis Aitmatow aus Kirgistan, Juri Rytchëu aus Nordsibirien, Galsan Tschinag aus der Westmongolei: Drei Autoren aus Gebieten, in denen sich nomadische Lebensweise länger als andernorts erhalten hat, erzählen ausführlich und publikumswirksam von ihren schamanischen Wurzeln, ohne darüber und über unsere heutige Welt gross nachzudenken.

Der Band hat ein handliches Format wie ein Gebetbuch, ist eingebunden mit einem weichen Stoff und ge-staltet und bedruckt mit schamanischen Zeichen. Die Beschäftigung mit fremden Kulturen in der Literatur- und Sachbuchwelt nahm zu seit den 80ern, als mit fortschreitendem Neoliberalismus die Beschäftigung mit politischen Inhalten aus der Mode kam und viele sich bevorzugt mit Krimi, Exotik, Abenteuer, Action und Schicksalen von Prominenten wie Auswanderer General Suter und aussergewöhnlichen Frauen wie Annemarie Schwarzenbach oder Anna Göldi beschäftigten.

Austausch und Ausgleich
Populär wird Schamanismus diffus und undifferenziert als «Naturreligion» rückständiger, kindlich-naiver Menschen mit exotischen und unverständlichen Ritualen rund um eine schamanische Person gesehen. Schamanismus bedeutet nicht nur Seelenwanderung, rituelle Dampfbäder, meditatives und ekstatisches Trommeln, Tanzen und Heilen. Es ist auch bewusstes und intuitives Wahrnehmen und Handeln in nicht hierarchischen nomadischen Gemeinschaften und ist dazu da, rituellen Austausch und Ausgleich zu schaffen zwischen Menschen, Tieren, Pflanzen, Geistern und Gemeinschaften, zwischen wirtschaftlichen, sozialen Interessen und Geschlechtsunterschieden. Mit der Beute wird vor und während der Jagd im Geist Verbindung aufgenommen und kommuniziert. Will man sich irgendwo verweilen und sich ernähren, bespricht man sich zuerst mit den Geistern des Orts und klärt ab, ob die wichtigen Bedürfnisse neben- und miteinander gelebt werden können. Tauchen Bevormundung und Übertölpelung auf, werden sie rituell ausbalanciert. Parallelen zum von uns angestrebten urdemokratischen Kommunismus gibt es.

Dualismus, Privateigentum
Ein wichtiges Phänomen wird in der bürgerlichen Darstellung von Schamanismus ebenso wie in diesem Band ausgeblendet: das Patriarchat. Denn genau diese verheerende Entwicklung soll mit Ritualen und Beschwörungen im schamanischen Alltag der NomadInnen verhindert werden. In sesshaften Gemeinschaften, im Animismus, betreten Götter und Göttinnen die Szene, die ober- oder ausserhalb sind. Alles wird zunehmend dualistisch getrennt, in männlich und weiblich, Mensch und Natur, Oberschicht und Unterschicht, Gemeinbesitz wird zu Privatbesitz, aktives Erleben weicht blindem Glauben. Nicht mehr alle haben spirituelle Praxis und Erfahrung, sondern zunehmend nur einzelne PriesterInnen. Es wird nicht mehr kommunikativ beschwört, es werden Dinge oder Geister hergezaubert oder andere geistig gestärkt oder geschädigt. Könige, Prinzessinnen, Feen, Zwerge und Dämonen verkörpern und personalisieren Geister und Energien.

Schamanismus und Religion
Der kapitalistische Westen idealisiert und zerstört nomadische Kulturen seit langer Zeit schon und beschuldigt den untergegangenen sozialistischen Osten, diese Kulturen unterdrückt zu haben. Juri Rytchëu gibt sich erstaunt, dass «die Bolschewiki» keine Vorbehalte gegen die Rituale hatten und nicht einschritten. Sie machten die NomadInnen nicht wie der Westen zu Sozial-und Suchtfällen, sondern sorgten dafür, dass ihnen grundlegende Rechte wie solide Bildung und wenn nötig Gesundheitsversorgung gewährt wurden. Rytchëu genoss eine weiterführende Bildung. Er ist einerseits der Meinung, schamanistische Rituale vertrügen sich problemlos mit wissenschaftlichen Erkenntnissen, berichtet aber, er sei damals zum Schluss gekommen, vom Standpunkt des Marxismus-Leninismus sei diese Lebensweise ein geistiger Irrweg.
Er vermischt den nomadischen Schamanismus mit der Religion von Sesshaften, wenn er von «religiösem Inhalt» und «sakralem Sinn» schamanischer Rituale spricht. Es ist davon auszugehen, dass seine nomadische Gemeinschaft - wie die meisten anderen - bereits pariarchale Elemente übernommen hat, da sie seit Jahrhunderten von patriarchalen Gesellschaften umzingelt ist.

Patriarchat und Hollywood
Tschingis Aitmatow erzählt anschaulich von Ritualen seiner Grossmutter, von nomadischer Schöpfungsgeschichte und patriarchalisch erhöht von bösen Geistern und von der Initiation des angehenden Jägers und Familienernährers. Nach dem Zusammenbruch der UdSSR sei ein neues Interesse an den nomadischen Kulturen in aller Welt entstanden, schreibt Rytchëu, und man habe voll auf Marktwirtschaft gesetzt, um diesem neuen kapitalistischen Zustand ohne Geld und Essen zu entgehen. Mit der Marktwirtschaft sei die Zeit der Schurken angebrochen, bemerkt Galsan Tschinag zur Freude von uns KommunistInnen.
Juri Rytchëu wurde europaweit bekannt als Vermittler der alten Kultur. In seiner Geschichte rund um die Völkerschau der Weltausstellung von Chicago mit «Eingeborenen» aus verschiedenen Erdteilen stellt sein Schamane enttäuscht fest: «Das hiesige Publikum ist zum grössten Teil wild und ungebildet» und dreht den Spiess um wie Erich Schermanns Figur «Papalagi» aus den Zwanziger Jahren. Leider zeigt Rytchëu oft einen Hang zu gut verkäuflicher Hollywood-Dramatik.

«Ich schamane»
Erfrischend erzählt Galsan Tschinag. Der Mongole, der in Leipzig in der DDR in den Sechziger Jahren Germanistik (deutsche Sprache und Literatur) studierte, schreibt deutsch und nicht russisch wie die beiden anderen. Sein Deutsch ist authentische, lebendige Alltagssprache. Rytchëu und Aitmatow beschreiben verwandte, bekannte und fiktive SchamanInnen, er beschreibt auch eigene Erfahrungen: «Ich schamane, ich singe unsere Schamanen-gesänge weiter.» Diese Gesänge werden laut Tschinag meist aus dem Stegreif improvisiert: «So erzeugen sich die Schamanen selber, durch die ausgeglichen schöne, wohlklingende Sprache und eine dazu passende Weise. Verse und Melodie ergeben dann zusammen den Gesang.» Der bekannte schamanische Ependichter Gursukmangaj habe einmal treffend gesagt: «Die Worte purzeln mir auf die Zunge, fallen in den Mund herein.» Die dichterische Inspiration sei der schamanischen sehr ähnlich, stellt der Schriftsteller und Germanist fest. Und: «Wenn der Schamane anfängt zu singen, da raucht er viel.»
Galsan Tschinag erzählt auch von Geistern seiner Schamanentante, den Tangut-Lamas, deren Bezeichnung aus dem Buddhismus stammt. Das mongolische Schamanentum und der Buddhismus hätten lange gegeneinander angekämpft, bis sie zu einer Kompromisslösung gefunden und gegenseitig Elemente übernommen hätten. 2009 gründete er die Galsan-Tschinag-Stiftung, die unter anderem ein Wiederaufforstungs-Projekt und die schulische und berufliche Ausbildung der Nomadenkinder in der Mongolei durchführt.

Tschingis Aitmatow, Juri Rytchëu, Galsan Tschinag: Die Kraft der Schamanen. Unionsverlag Zürich, 2. Auflage 2017, gebunden, 20 Franken

© Damian Bugmann: Text  2018, Erstveröffentlichung im «vorwärts»; Foto 2009 «Planet und Primaten», unten


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Zeitung und Klischee
Stephan Eicher und andere Singer/Songwriter werden von Zeitungsschreibern gern mit dem Klischee «Barde» versehen.
Barde –  bei den Kelten gab es ebenso viele Bardinnen wie Barden – war eine spirituelle, nicht eine kommerzielle Funktion.

©Text Damian Bugmann 2009
«Planet und Primaten», Lux&Bär


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