GESCHICHTEN


ODILO Schiesstdenwolf und THOMAS Machtdasgeschäft
gehen in den WALD

O.: Diese Scheisswölfe fressen uns das Wild weg.
T.: Und vertreiben uns die Touristen.
O.: Und wenn wir sie machen lassen, bekommen sie richtig Mut und Appetit, dann überfallen sie uns in
unseren Häusern, schänden unsere Frauen und fressen unsere Kinder.
T.: Das ist unser Wild, unser Wald, unser Touristenparadies, unser Geschäft, unser Zuhause, das sind
unsere Frauen und Kinder.
O.: Und das sind verdammte Ausländer, kriminelle Asylanten, die nachts heimlich von Frankreich und
Italien über die Grenze kommen. Wir müssen uns wehren, sonst vertreiben diese Ausländer alle Leute
aus un
serem Tal.
T.: Hast du das Gewehr dabei? Also hopp!
O.: Komm Rex, es gibt was zum Beissen.

©Text Damian Bugmann 2016
(mit Aussagen aus Nachrichtenmedien von Politikern, Jägern und Schafhaltern)

WWF Schweiz:
«Seit der Rückkehr des Wolfs in die Schweiz gab es keinen einzigen Übergriff eines Wolfs auf einen
Menschen. Der Wolf ist sehr menschenscheu. Dagegen werden jedes Jahr 9500 Menschen von Hunden gebissen.»
http://www.wwf.ch/de/aktuell/news/wolf.cfm
http://kora.ch/






Bier oder Nüsslisalat?

Vor einem Monat hatte Keller die gekündigte Festanstellung verlassen, die selbständige Berufstätigkeit
lief mehr schlecht als recht, er war etwas verstimmt und verspürte ein kleines Unwohlsein und einen
Druck auf dem Darm. Zügig steuerte er die Toilette des Fin-de-Siècle-Bahnhofs an.

Es geht jetzt nicht darum, dachte er vor sich hin, wie es meine Herkunft und meine Ausbildung verlangen, gegen meinen Ekel in zweifelhaften Gremien Einsitz zu nehmen und hohen Tieren in den Arsch zu kriechen. Aber was arbeiten, wenn man sich zu gut ist, um die Werbetrommel zu rühren für scheinheilige Demokratie
und durchsichtige bürgerliche Ideologie, für Konsum-, Leistungs- und Verschwendungsgesellschaft? Und
erst noch herzlich wenig Ellbogen und Showtalent hat.

Er kam zur Hochglanz gekachelten Toilette, eine grausame Mischung aus Chemie und schlechter Ver-
dauung schlug ihm entgegen. Ein Penner stand davor, blickte die Ankommenden an, an Keller blieb sein
Blick hängen. Beherzt und mit unabgebrochenem Redefluss bat dieser um ein paar Franken fürs Essen,
für die Gassenküche.

Keller erinnerte sich daran, als er vor Jahren selber in einer ähnlichen Situation gewesen war: Studium abgebrochen, Freundin davongelaufen, Wohnung wegen Zahlungsverzug verloren, keine Arbeit, Hunger
im Bauch und kein Geld im Sack.

Auch wenn der Mann hier das Geld für etwas Anderes als Essen ausgibt, dachte er, was geht’s mich an,
mich fragt auch kein Redaktor, ob ich vom Honorar Bier oder Wein oder Schnaps oder Koks oder Grass
oder Teigwaren, Reibkäse und Nüsslisalat kaufe.

Ein Griff zum Geldbeutel, etwas Metall gegrabscht: «Da, nimm, wohl bekomm’s und lass dich nicht unterkriegen!»

© Text und Foto Damian Bugmann 2016




Totenstille, keine Spur von Applaus

Letztes Mal kam sie gar nicht zur Lesungsreihe, doch jetzt hat F. ein Ziel gefunden. Die Literaturpäpstin
thront auf der kleinen Tribüne und ist voll im Element. „Das ist keine Literatur“,  „Das ist nicht politisch“,  "Wenn das Wollen grösser ist als das Können ...“. Sie beantragt, auf die Diskussion zu verzichten, "um mehr Zeit für die interessanten Texte zu haben, die noch folgen“. Sie spricht von den Texten von zwei Schriftstellerinnen, einer davon mit Metapherninflation.

Heute denkt der damals sprachlose Schriftsteller manchmal, er hätte in gleicher Währung zurückgeben und sagen sollen: Ist etwa der diffuse Stuss, den du in Solothurn mit deinem jungen Geliebten abgesondert hast, Literatur und politisch, diese beliebige Aneinanderreihung von politischen Gemeinplätzen?!

F. ist voll Feuer und schiesst ihre Garben mit viel Druck auf den Schriftsteller, der sich gewagt hat, mit einem Text anzukommen, der den Dogmen der Gruppe zuwiderläuft, die bestimmend sind für das wirtschaftlich erfolgreiche Literaturschaffen in diesem Land.

Sie ist für gute Romananfänge bekannt, wird im Feuilleton wohlwollend besprochen, dort wird auch das Diffuse und Belanglose ihrer Texte kritisiert. Sie ist rhetorisch geschickt, druck- und effektvoll und hat sich damit in den elektronischen wie in den gedruckten Medien in Interviews, Gesprächsrunden, Kolumnen, Rezensionen und Stellungnahmen festgesetzt. Ihre beanspruchte Meinungsführerschaft trägt nicht unwesentlich zum Erfolg ihrer journalistischen und schriftstellerischen Produktion bei. Der wirtschaftliche und mediale Erfolg gibt ihr Recht und grosses Selbstvertrauen.

Während seiner Lesung zwanzig Minuten Stille, keine Reaktionen wie Nicken, Nachdenken, kritische Blicke, Strahlen, Lachen, Lächeln, Schmunzeln, kleine Laute der Zustimmung oder Überrraschung, wie er sie von seinen Lesungen kennt und schätzt. Die Stille deutet er zunächst als konzentriertes Zuhören.

Nach der Lesung Totenstille, keine Spur von Applaus. Dann eröffnet das dominierende Weibchen das Feuer. Der Standard ist gesetzt, jetzt traut sich niemand mehr den Angeschossenen zu loben. Die Voten sind kritisch, aber mit tröstendem Unterton, um die aggressiven Respektlosigkeiten des Leittiers etwas abzufedern: Man dreht die Sache so, dass man dem unbedarften Dilettanten ein paar gut gemeinte Tipps auf den Weg geben will, und dies tun vor allem Leute, die selbst nicht schreiben. Das hat er nicht erwartet, er hat auf die Qualität und Kraft seiner Texte vertraut.

In der Pause kommen vorsichtig ein paar Schreibende (L. zum Beispiel, die wie er reaktionslangsam und rhetorisch nicht so prächtig ist) und Zuhörende zu ihm und geben ihm das unterdrückte Lob.

©Text 2010 und Foto 2016 Damian Bugmann

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Ehrenmänner
unter sich

Gespräch im Bundeshaus
am Rand der AHV-Debatte

Hl. Christoffel: Die Sozialwerke sind einfach nicht mehr zeitgemäss.

Verheerer: Jawohl, das Obligatorium verzerrt den Wettbewerb, setzt keine Anreize, macht die Leute apathisch und abhängig und bringt sie auf dumme Gedanken.

Christoffel: Jawoll, wer Pfupf im Füdle und gute Ideen hat, kommt über die Runden oder wird sogar reich, so wie ich, hehe!

Löffel: Wären wir in den USA, könnten wir eine Milliardenklage gegen den Staat und die linksextremen Sozialdemokraten und Gewerkschaften machen.

Christoffel: Bravo Roschee, braver Hund, weiter so. Da, nimm noch ein Guezli!


©Text Damian Bugmann 2017


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GESPRÄCHE 1

T.: Du als brotloser dissidenter Dichter könntest dir ein Beispiel nehmen an den Dissidenten in China und Russland. Die verstehen es, aus ihrer Situation etwas zu machen und haben ein grosses Publikum bei uns.

D.: Opportunistische Marketingstrategien, die vom Bonus der Opposition des Feinds profitieren.

T.: Da tust du ihnen Unrecht, das sind doch Idealisten, die sich für Freiheit und Demokratie einsetzen.

D.: Ich würde eher sagen, sie idealisieren die Wirtschaftsfreiheit und die Art der Politik des Westens und erhoffen sich dort fantastische Karrieremöglichkeiten.

© Damian Bugmann 2015




GESPRÄCHE 6 und 16:
Erlauchte Gesellschaft

T.: Heute sind die Möglichkeiten doch einfach fantastisch und unbegrenzt. Wer in Kunst und Kultur eine supper gute Idee hat, sie darf sogar gewagt und unkonventionell sein, hat Anerkennung und Erfolg.

D.: So war’s vielleicht im letzten Jahrhundert. Heute ist der Rahmen eng und konventionell und du musst darin etwas bringen, das die Kulturvermarkter anspricht, weil es sich gut verkaufen lässt. Und dann befindest du dich auch noch in einem grossen Kandidatenfeld.

T.: Es gilt immer noch, wer nichts leistet und keine guten Produkte vorzuweisen hat, hat in der Kulturszene keinen Platz!

D.: Es gilt immer noch, wer kommerziell nicht verwertbar ist und von den Gurus und Platzhirschen nicht verstanden wird, hat keine Chance. Die Subventionspfründenverwalter, Kulturmanager und Kulturpolizisten halten Hof und bestimmen, wer in die erlauchte Gesellschaft aufgenommen wird.

© Damian Bugmann 2016








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