OLGA BENARIO

Unbeugsam in faschistischer Gefangenschaft

Olga Benario, eine deutsche kommunistische Revolutionärin, im KZ geschunden und 1942 umgebracht, wäre 2018 100-jährig. Drei Bücher erzählen von ihr und vom Brasilianer Luiz Carlos Prestes, ebenfalls eine Legende der internationalen kommunistischen Bewegung des 20. Jahrhunderts, und von ihrer im Gefängnis geborenen Tochter Anita Leocadia. 

1926 in Berlin, eine Demonstration gegen schlechtes Essen und Ausbeutung im Erwerbslosenheim von Sozialdemokratischer und Kommunistischer Jugend, die Kinder vom Jung-Spartakus stolz vorne weg: «Diese Proletarierkinder kannten die Armut, sie kannten Stunden der Hilflosigkeit, der Angst, der Tränen und der Verzagtheit – aber nie spürten sie ähnliches auf einer gemeinsamen Demonstration, obwohl es dort oft gefährlich für sie war. Sie wollten selbst einmal so werden wie die Grossen in der Kommunistischen Jugend; so reden können, sich gegen die verfluchte Polizei wehren, schlagfertig, lustig und stark wie Helden sein. Die Mädel trachteten danach, so wie Olga zu werden, die Jungen wünschten sich, ebensolche Eigenschaften wie sie zu besitzen», so Ruth Werner in ihrer Romanbiografie.

Werners Beschreibung von Olga Benario ist wohl nicht frei von Stilisierungen und Idealisierungen, Olga muss aber wirklich eine aussergewöhnliche Figur in der deutschen Arbeiterbewegung gewesen sein. Ruth Werner, geboren 1907 in Berlin, aus dem jüdischen oberen Mittelstand, war Kommunistin, Schriftstellerin und Mitarbeiterin des sowjetischen Nachrichtendiensts. Die Autorin hatte für die Romanbiografie Interviews mit noch lebenden GenossInnen geführt. Der einfühlsam und spannend beobachtete und geschriebene Roman über Olga erschien 1961 in Ostberlin, erreichte insgesamt 19 Auflagen und richtete sich vor allem an ein junges Publikum. In der DDR wurde Olga Benario in Ehren gehalten, im Westen war und ist das Interesse an ihr gering.

Gross, kräftig und sportlich
Olga  wurde am 12. Februar 1908 geboren, stammte aus einer jüdischen Münchner Familie der gehobenen Mittelklasse und besuchte das Mädchengymnasium. Mit dem Vater, Sozialdemokrat und Rechtanwalt Dr. Leo Benario, stritt sie viel über politische Fragen, hatte aber durch ihn ihre erste Politisierung erlebt. Die Mutter Eugenie Benario-Guttmann fühlte sich wohl im wohlhabenden Mittelstand und distanzierte sich von linker Politik und ihrer in der deutschen Gesellschaft immer belastenderen jüdischen Herkunft. Mit fünfzehn trat Olga dem illegalen Kommunistischen Jugendverband bei, übernahm dort Verantwortung und war ausserparlamentarisch sehr aktiv an Demos, Aktionen und Streiks. 1925 ging sie nach Berlin und arbeitete in der sowjetischen Handelsvertretung. Ruth Werner zeigt sie als sehr selbstbewusste, frühreife junge Frau. Olga Benario war gross, kräftig und sportlich, hatte Freude am Campen, Wandern, Segeln und Skifahren. Später in der UdSSR lernte sie Reiten, Fliegen, Fallschirmspringen, die Handhabung von Waffen und wurde Mitkämpferin, Leibwächterin und Lebenspartnerin des legendären Brasilianers Luiz Carlos Prestes.

Spektakuläre Befreiung
«Mit Waffengewalt aus Moabit befreit – Untersuchungs-Gefangener Redakteur Braun entführt – Kommunistenüberfall im Zimmer des Untersuchungsrichters». So titelte die Berliner Zeitung am Mittag nach der spektakulären Befreiung 1928 aus der Justizvollzugsanstalt des Genossen Otto Braun, der im Roman «Kurt» heisst. Durchgeführt worden war sie von jungen KommunistInnen. Braun war der damalige Freund der 20-jährigen Olga und des Hochverrats und der Spionage angeklagt. Die Befreiung war auch deshalb spektakulär, weil Genosse Braun mit ungeladenen Handfeueraffen befreit worden sein soll. Die Gestapo versuchte während Olgas Zeit in Gefängnis und KZ vergeblich, von ihr das Geständnis zu erpressen, sie habe an der Befreiung als Anführerin teilgenommen.

Kolonne Prestes, «Ritter der Hoffnung»
Benario und Braun beendeten ihre Beziehung in der Zeit ihrer Ausbildung in der UdSSR, wo sie den Genossen Luiz Carlos Prestes kennenlernte. Olga arbeitete als Komintern-Agentin unter Decknamen in Paris und London und in den Dreissiger Jahren in Brasilien. Hauptmann und Ingenieur Prestes hatte 1926 als abtrünniger Offizier mit 1500 Soldaten, der Kolonne Prestes, einen langen Marsch durch Brasilien gemacht. Der Sturz der oligarchischen Regierung misslang, aber Prestes wurde zur Legende, zum «Ritter der Hoffnung». Damals war er eher ein kleinbürgerlicher Rebell, ab 1928 im Exil in Bolivien und Argentinien wurde er zum Marxisten, dann ging er in die UdSSR.

Verraten, verhaftet, getrennt
1934 war Prestes zurück In Brasilien mit Benario und vielen RevolutionärInnen. Ein breites Bündnis aus KommunistInnen, Gewerkschaften und linksbürgerlichen Parteien wollte die einigermassen soziale und katholisch-nationalistische, gegen den US-Wirtschaftsimperialismus gerichtete und von Nazideutschland unterstützte Regierung Getúlio Vargas stürzen und durch eine Volksfrontregierung ersetzen. An deren Spitze sollte der Kommunist und «Ritter der Hoffnung» Luiz Carlos Prestes stehen. Der Coup vom 27. November 1935 misslang, die beiden blieben im Land, um die politische Arbeit im Untergrund weiterzuführen. Sie wurden verraten, verhaftet, getrennt. Sie erwartete ein Kind von ihm und wurde nach Nazideutschland ausgeliefert, obwohl die brasilianische Verfassung es verbot, eine Frau, die ein Kind von einem brasilianischen Staatsbürger erwartete, auszuliefern. In Deutschland wurde sie ohne Verurteilung in Schutzhaft genommen.

Am 27. November 1936, ein Jahr nach dem misslungenen Aufstand, kam Anita Leocadia im Gefängnis Barnimstrasse in Berlin zur Welt, benannt nach der Frau Caribaldis und der Mutter von Prestes. Solange sie ihr Kind stillen konnte und die internationale Solidaritätsbewegung von Prestes Mutter Leocadia und Schwester Lygia stark war, genoss sie kleine Privilegien und lebte einigermassen gesund und unbehelligt. Anita wurde, obwohl jüdisches Kind von «gefährlichen Kommunisten» (O-Ton Gestapo) Anfang 1938 an Grossmutter Leocadia Prestes übergeben, Olga ins Konzentrationslager verschickt. Anita wuchs bei Leocadia und Lygia auf, war zeitweise im Untergrund oder Exil und ist heute Professorin für die Geschichte Brasiliens an der Universidade Federal do Rio de Janeiro.

Einzelhaft, Senat, Illegalität
Prestes wurde 1937 in Rio wegen Desertion zu 16 ½ Jahren Einzelhaft verurteilt, 1945 im Zug einer Amnestie für politische Gefangene entlassen und im selben Jahr in den Senat gewählt. Schon 1948 wurde die KPB verboten, KommunistInnen wurden wieder verfolgt und gefoltert. Während der rechts-neoliberalen Militärdiktatur musste er von 1964 bis 1979 erneut in die Illegalität abtauchen. Luiz Carlos Prestes starb 1990 mit 92 Jahren in Rio. Er und Olga Benario sind noch heute Legenden des kommunistischen Widerstands, vor allem in Brasilien.

Vom türkisch-deutschen Regisseur Galip Iyitanir erschien 2004 der Dokumentarfilm «Olga Benario – Ein Leben für die Revolution», der Olga und Carlos unspektakulär und respektvoll zeichnet, aber in den Kinos wenig Interesse fand. Der brasilianische Spielfilm «Olga» unterstützt vom mächtigsten Medienkonzern Brasiliens, Globo, stellt Prestes als Dilettanten und Benario als heulendes Elend dar. «Olga» hatte schlechte Kritiken und war ein Kinoerfolg. Anita Leocadia Prestes, selbst Autorin eines Buchs über ihren Vater, distanzierte sich von diesem antikommunistischen Kitsch- und Actionfilm.
Nach der Öffnung von vorher nicht zugänglichen Akten des deutschen Reichs aus russischen Archiven 2015 veröffentlichte der schweizerische Germanist und Schriftsteller Robert Cohen Benarios Gestapo-Akte. Seine Arbeit zeigt, dass die deutsche Geheime Staatspolizei sie bis zu ihrer Ermordung regelmässig verhörte und mit Aussagen anderer konfrontierte. Sie antworte laut Gestapo jeweils, dass andere zu Verrätern geworden seien, bedeute nicht, dass sie auch zur Verräterin werde.

So oder so auf der Todesliste
Interessant die Gestapo-Begründung zur Pflicht zur Aussage und Loyalität vom August 1939: «Nach längeren Unterredungen erklärte sie freiwillig, sich schriftlich äussern zu wollen, weil sie sich beim Schreiben besser konzentrieren könne. In einer von ihr handschriftlich geschriebenen siebzehnseitigen Selbstäusserung hat sie nur das wiederholt, was sie bereits bei früheren Vernehmungen angegeben hat. Die zweidreivierteljährige Schutzhaft hat auf sie noch nicht den gehörigen Einfluss ausgeübt. Während der Besprechungen ist ihr, genau wie früher, in durchaus verständlichen Worten gesagt worden, das deutsche Volk müsse von ihr als deutscher Volksgenossin das Recht in Anspruch nehmen, eine genaue Schilderung über ihre die deutschen Lebensinteressen schädigende politische Vergangenheit zu liefern.» Als Jüdin, obwohl schon jung aus der Glaubensgemeinschaft ausgetreten, war sie sowieso schon auf der Todesliste, als unbeugsame Kommunistin auch. Gegenüber AufseherInnen und Gestapo war sie ruhig und überlegt, gegenüber Mithäftlingen einfühlsam und unterstützend. Der «Vorgang Benario» beinhaltete Ruinierung durch Misshandlung, harte körperliche Arbeit, schlechte Ernährung und Gesundheitsversorgung und wurde durch ihre Vergasung beendet.

Frostwunden und Zensur
Einzelne Briefe von Carlos und Olga wurden wegen ihres Inhalts von der Gestapo nicht befördert. Zum Beispiel 1939 ein Brief an die Schwiegermutter wegen des Satzes «Leider nur fangen die Zähne zu zerbrechen an und augenblicklich habe ich Frostwunden an den Händen, die nicht zuheilen wollen.» Die Gestapo wollte damit «Greuelnachrichten über die Zustände in deutschen Konzentrationslagern» im Ausland verhindern. Der Briefwechsel zwischen Olga und Carlos in Cohens Buch «Die Unbeugsamen» zeigt, dass sich die beiden angesichts der Zensur auf Persönliches, ihre Lektüren und ihre Tochter konzentrierten. Robert Cohen stellte den Dokumenten in beiden Büchern historische Einleitungen und editorische Erklärungen voran.

©Text Damian Bugmann 2018, Erstveröffentlichung vorwärts Nr.  8/9.18

- Ruth Werner: Olga Benario - Ein Leben für die Revolution, Roman. Verlag Neues Leben 1961/ Zambon Verlag 2010, 14 Franken
- Robert Cohen (Herausg.): Der Vorgang Benario, Die Gestapo-Akte 1936 bis 1942. Edition Berolina 2016, 22 Franken
- Robert Cohen (Herausg.): Olga Benario, Luiz Carlos Prestes, Die Unbeugsamen, Briefwechsel aus Gefängnis und KZ, Wallstein Verlag 2013, 37 Fr


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Olga Benario und Luiz Carlos Prestes

                             Stolperstein für Olga, Innstrasse 24, Berlin-Neukölln


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