FILM

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Vietnamveteranen kämpfen für gleiche Spiesse im kapitalistischen Wettbewerb. Links Regisseur
Spike Lee.                                                                                                                         
Foto: zVg


Widersprüche lauern überall

Das Thema Rassendiskriminierung ist trendig in Zeiten von unverminderter Diskri-
minierung und Black Lives Matter. Wer in Hollywood Furore und Kasse machen will,
kann auf dem Trend surfen. Spike Lees Vietnam-Film «Da 5 Bloods» (2:30, Netflix
2020) über fünf schwarze Ex-GIs unterhält brutal und kitschig.

Zum Einstieg werden in den ersten drei Minuten in atemberaubender Folge unzählige ultra-
kurze Dokumentarausschnitte gezeigt, die die USA um 1970 charakterisieren sollen, die wir

die meisten schon mehrfach gesehen haben: Kriegsdienstverweigerer Muhammad Alis Statement, GIs in Vietnam, Helikopter, feuernde Waffen, Lyndon B. Johnson, Agent Orange, Mondraketenstart, Armstrongs Schritt für die Menschheit. Afroamerikanische Sportlerfäuste
auf dem Siegespodest gegen Diskriminierung, Black Panthers in Aktion, Angela Davis und
Bobby Seale reden, liegender Obdachloser. Ho Chi Minh, napalmverbranntes nacktes Mäd-
chen rennt davon, Kopfschuss auf der Strasse, flüchtende Boat People. Zuletzt der Fall von Saigon am 29. April 1975, ein Ami-Helikopter fällt spektakulär ins Wasser, Schwarzweissbild
von Saigon am 30. April, Überblendung an derselben Stelle von Saigon zu Ho-Chi-Minh-Stadt heute. Während des ganzen Spielfilms werden Rückblenden und Dokumentarsequenzen eingefügt.

Gold, Hass und Konkurrenz
Die vier ehemaligen schwarzen GIs Paul, Melvin, Otis und Eddie treffen sich im Hotel der
Ho-Chi-Minh-Stadt fünf Jahrzehnte nach ihrem Kriegsdienst. Es sieht aus wie eine heitere Klassenzusammenkunft: Fluchen, scherzen, machistische und sexistische Witze, Erinne-
rungen, Jubel, Umarmen. Pauls Sohn David stösst unerwartet dazu, was die Lage kompliziert. Zuerst wird gefeiert und geplant. Mit einer offiziellen Empfehlung ihres Landes dürfen sie die sterblichen Überreste ihres in Vietnam gefallenen Zugführers «Stormy Norm» Norman (An-spielung auf General Norman Schwarzkopf?) suchen. Sie wollen gleichzeitig die von ihnen
an derselben Stelle vergrabene Kiste mit Goldbarren heimlich an sich bringen. Immer wieder flasht der Hass zwischen Vietnames*innen und Yankees auf, und je näher sie im Dschungel
dem Gold kommen, desto mehr zeigt sich die Konkurrenz zwischen ihnen, das egoistische Feilschen um die Verteilung der Beute.

Der Dschungelkrieg wiederholt sich
Langsam wächst bei den Zuschauer*innen der Verdacht, dass am Ende gar nichts mehr da
sein wird, das unter den siebzigjährigen Veteranen verteilt werden kann, und ob überhaupt
noch einer von den «Bloods» (Blutsbrüder, Blutbefleckte) übrig sein wird. Ein Psychodrama
mit harter Action nimmt seinen Lauf. Der Schmugglerboss Deroche (Jean Reno) sollte für sie gegen Beteiligung das Gold verkaufen und den Erlös waschen, will aber mit seinen vietna-mesischen Bewaffneten alles für sich beiseite schaffen. Grausame Gefechte finden statt, alte Tretminen gehen hoch, der alte Dschungelkrieg wiederholt sich. Der Konflikt zwischen Vater
Paul und Sohn David flackert auf und wird vertuscht. Der am meisten kriegstraumatisierte «Blood» Paul, der sich bereits am Anfang die Rolle des «Squad Leaders» gesichert hat, rea-
giert oft unverhältnismässig aggressiv. Er wittert bald hinter den meisten Gruppenmitgliedern Verrat und will furios exekutieren. Nach Widerstand der Gruppe, zu der inzwischen auch drei junge Minensucher*innen gehören, trennt er sich jammernd und geifernd von ihr. Er irrt herum und stirbt dann, scheinbar geläutert, mit sanften religiösen Worten auf den Lippen im vietnamesischen Exekutionsfeuer.

Patriotismus und reine Liebe
Am Schluss sind der französische Schurke Deroche und die vietnamesischen Orks alle massakriert. Otis, David, die blonde Minensucherin Hedy und ihr als dicklicher Nerd ver-
bildlichte Kollege überleben das Inferno. Die Liebe und die Ehrlichkeit der aufrechten Patriot*innen triumphiert, «Black Lives Matter» und gemeinnützige afroamerikanische Organisationen erhalten viel Geld.

Vage Referenzen an den Bürgerrechtskampf von Malcolm X und King sowie die Forderung
nach wirklicher Gleichberechtigung der Afroamerikaner*innen sind wichtig in diesem Film-
werk; letztere werden teilweise idealisiert. Vietnames*innen hingegen sind im Film 1970
und 2020 minderwertig: Entweder kann ihr niederer Status als «Gook» (klebriges Zeug, Schlitzauge) durch Kollaboration als Führer/Mitstreiter oder Sexarbeiterin aufgebessert
werden oder sie werden geschmäht, misshandelt und erschossen. Tiên, damals Sexar-
beiterin, heute Geschäftsfrau in Saigon, hat eine erwachsene Tochter von Otis. Sie wird
aus dem Schlitzaugensumpf gezogen und in die ehrenwerte Gesellschaft und in die Sphäre
der reinen Liebe erhoben.

Konflikte nach Hollywood-Schema
Rückblende: Aufruf des Vietcong-Radios an die schwarzen GIs, sich gegen den imperialisti-
schen Krieg zu wenden. Die Reaktion der «Bloods» auf den Aufruf ist lächerlich operettenhaft
in Szene gesetzt. Wie in früheren bekannten US-Vietnamfilmen werden Konflikte und Gefühle nach Schema durchgespielt. Der rechtliche Anspruch der Sozialistischen Republik Vietnam
auf das Gold wird durch rachsüchtige, vietnamesische Bewaffnete und einen schleimigen Franzosen wahrgenommen, die effektiv im Eigeninteresse handeln. Chauvinistische Feind-
bilder werden im Hollywoodklischee propagiert und fortgepflanzt. Im Happy-End-Jubel wird allerhand ausgeblendet: die Schwierigkeiten, das Gold in der Unterwelt zu verkaufen und dann das Geld zu waschen, ebenso die Gefahr, den Reichtum oder das eigene Leben dabei zu verlieren oder ernste Probleme mit den Behörden zu bekommen.

Ausgeschlachtet, überspielt, verdrängt, ausgeblendet
Damalige und heutige Widersprüche lauern überall im Film und werden für Action ausge-schlachtet oder überspielt. Ausgeblendet wird auch, dass der Krieg zuerst kolonial
(Franzosen) und dann imperialistisch (USA) war. Imperialismus und kapitalistische Aus-
beutung werden nicht in Frage gestellt. Die schwarzen Patrioten machen lediglich gel-
tend, dass auch sie in der Hölle tapfer gekämpft haben und deshalb endlich Anerkennung
und gleiche Spiesse im verschärften Wettbewerb wollen. Dabei verdrängen die Figuren
und ihr Regisseur, dass der kapitalistische Wettbewerb Diskriminierungen braucht und
produziert.


©Text Damian Bugmann 2020, vorwärts Nr. 27/28.20












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