3. TV-Kritik: Ende DDR und Start Turbokapitalismus 4. Bücher/Filme: Rezeption der Siebziger: Voyeurismus, Ignoranz, Gewalt 5. Musik: Kreativ-psychedelischer Aufbruch der Endsechziger Copyright Text, 4 Fotos (oben, 2a+b, 5), Layout Damian Bugmann db ----------------------------------------------------------------------
„Qualmend und glutschend berauschten sie sich, tobten, tanzten mit zuckendem Bauch und stampften in unkostümen Verrenkungen herum“: Lennon-Zeichnung (Ausschnitt) mit Bildlegende zur Geschichte „Neville Club“.
Eine deutsche Reedition und Neuübersetzung von „In His Own Write“ von 1964 zeigt John Lennon als lustvoll-satirischen Schreiber und Zeichner.
Schülerkritzeleien, schnelle und sichere
Strichführung, turbulente Massenszenen, Kopffüssler und Karikaturen -
so etwa präsentiert sich hier das interessante zeichnerische Werk von
John Lennon. „In einer kürzlich verunstalteten demoskomischen Dummfrage
kam ein rastender Retorter mit der Frage ( ... )“ - oft wechselt er Buchstaben aus, nimmt ähnlich klingende Wörter und gibt damit neue Bedeutungsrichtungen; lustvolle Gesellschaftssatire und Sprachparodie übersprudeln, schwarzer Humor verblüfft. Die kurzen Geschichten, Einakter und Gedichte zeigen den Künstler von einer etwas anderen Seite, die sich in der Folge allmählich auch in sein Songwriting bei den Beatles einschlich. Das etwas verblassende Klassenbewusstsein des sozialen Aufsteigers ist ebenso präsent wie die Sorglosigkeit des Gutverdieners.
Aktualisierung und Germanisierung Der Blumenbar Verlag hat die nicht einfache Herausforderung angenommen, zum siebzigsten Geburtstag (9.10.) und zum 30. Todestag (9.12.) des Künstlers ein Stück weitgehend experimentelle Sprache ins Deutsche zu übertragen und nachzudichten mitsamt der Rhythmik und den Reimen in den Gedichten. Dabei gehen die Übersetzer mit der Aktualisierung und Germanisierung manchmal etwas weit: Da kommt schon mal das Internet vor, „Bild“ steht anstelle einer englischen Boulevardzeitung, CBS wird zu ZDF, englische Prominente der damaligen Zeit zu Jauch und Grünbein.
John Lennon: „In seiner eigenen Schreibe“, Kurztexte und Zeichnungen, mit Vorworten von Paul McCartney und Jon Savage, 85 S. gebunden, Blumenbar Verlag Berlin www.blumenbar.de, Dezember 2010.
Hinter den gehäuften Todesfällen in der Allgemeinabteilung einer psychiatrischen Klinik stehen Experimente der Pharmaindustrie. Dialog zwischen Polizeikommissar Krüsi und Amateurkriminalist Beno von Stürler am Ende der Erzählung „Melancholie“, Suhrkamp 1967:
In einem späteren Stadium verlief die Untersuchung, auf höhere Veranlassung, im Sand. Die Spur hatte auf eine chemische Industrie von nationaler Bedeutung in einem befreundeten Staate gewiesen.
„Einfache Menschen wie wir“, meinte Krüsi, „werden nun nie erfahren, was tatsächlich los war.“
Beno: „ ... nicht einmal, ob die befreundete Nation nicht die Schweiz selbst ist, mein Lieber. Du musst bedenken, dass dabei stets ungeheure Interessen auf dem Spiel stehen. Denk an die Tausende von Arbeiterchen in ihren Reihenhäuschen und die Hunderte von Akademikerchen in ihren freistehenden Einfamilienhäuschen, die von solchen Unternehmungen leben. Denk an die Kapitalistchen in ihren süssen kleinen Villen in Riehen, Zollikon oder im Kirchenfeld ... Und vergiss die aber Tausende von Händlerchen und Gewerbetreibendchen nicht, die von den Kapitalistchen, den Akademikerchen und den Arbeiterchen leben ... Rieseninteressen, Krüsi!“
„Dann leben wir zuletzt alle vom Tod ...“
Stephan Eicher und andere Singer/Songwriter werden von Zeitungsschreibern gern mit dem Klischee “Barde“ versehen. Barde – bei den Kelten gab es ebenso viele Bardinnen wie Barden – war eine spirituelle, nicht eine kommerzielle Funktion. Tanz, Musik und Geschichtenerzählen haben heute noch oft spirituelle Ausstrahlung und Gemeinschaft stiftende Funktion, sind aber in der monotheistisch-dualistischen Gesellschaft aus dem ganzheitlichen Zusammenhang gerissen geworden.
Keltische Barden und afrikanische Griots folgten den für ihre Kulturen bestimmenden Prinzipien der gegenseitigen Hilfe, des sozialen und wirtschaftlichen Ausgleichs, nicht dem Egoismus, dem Recht des Stärkeren und den diskriminierenden Regeln des Wettbewerbs.
Auch Tausch und Handel waren selbstverständlich diesen Prinzipien verpflichtet: „Potlatch“, permanenter ritueller Tausch von Waren und Informationen zum Ausgleich aller sozialen Unterschiede, gehörte in den vorpatriarchalen Gesellschaften zu den Regeln und Bräuchen. Heute gewinnen wir Sozialprestige durch Imponiergehabe, Übervorteilung und persönliche Bereicherung.
20 Jahre nach dem Beginn der Eroberung des Reichs des Bösen gibt es Action, Emotion und Werbung mit dem zweiteiligen Spielfilm „Wir sind das Volk – Liebe kennt keine Grenzen“ über das Ende der DDR – demnächst in Ihrem Sofakino.
TV-Langspielfilm „Wir sind das Volk“ zu 20 Jahren Ende der DDR. Foto: sat1
Unheimlich dramatisch beginnt die Filmgeschichte mit Leitern und dann Schüssen an der Mauer 1983. Mathis fällt im Kugelhagel auf die Ostseite zurück, Andreas schwer verletzt ins ersehnte Paradies – und weiss noch nicht, dass seine Freundin Katja schwanger ist. Er wird Fernsehredakteur in Westberlin, seine in der DDR zurückgebliebenen Freunde filmen trotz Stasibelästigung heimlich Demonstrationen für Andreas und das Westfernsehen, er liefert ihnen das nötige Material und Präservative.
Propagandastimme Wie viele andere der DDR Überdrüssige wollen Katja und Sohn Sven im Sommer 1989 über Ungarn heimlich ausreisen. Sie wird erwischt und der Stasi ausgeliefert, der Junge findet seinen Weg zum Vater ins Konsumparadies. Um die Mauer zum Fall zu bringen und seine Frau rauszuhauen, macht sich der Journalist mit seinem Medium zu einer kräftigen Stimme der Westpropaganda.
Schmuddel und Design Die Rollen sind verteilt: Da die Barbarei des Sozialismus mit gestiefelten, prügelnden Volkspolizisten, flächendeckender Bespitzelung und respektloser Belästigung durch kalte Beamte - dort persönliche Freiheit, Wohlstand und private Idylle. Da kleine, schmuddlige Wohnungen mit altmodischem Inventar, ständig in ein gelbbraunes Licht getaucht, das an ranziges Öl erinnert - dort wie in den US-Serien grosszügige, Licht durchflutete Räume, modern designte Einrichtungen, bequeme Ledersofas, geräumige Dachterrassen. Da ein durch und durch korruptes System - dort allenfalls individuelle Fehlentscheidungen von einzelnen Verantwortlichen.
Konsum und Karriere Der Film hat gute Serienqualität und viele Widersprüche. Er suggeriert stundenlang, es gehe um Persönlichkeitsrechte und Reisefreiheit, nicht um naive Sehnsüchte nach Konsum und Karriere für alle. Erst ganz gegen Schluss des zweiten Teils fallen am Rand ein paar klare Worte: Es gehe um Bananen, Videorekorder und Floridareisen. Und an der Erstaufführung letztes Jahr auf sat1 waren viele lange Werbeblöcke dazwischen geschnitten, in denen die Zuschauer unermüdlich mit Limousinen, Waschmitteln, Eigenheimen, Anti-Ageing-Crèmes und viel mehr in allen Farben- und Gestaltungskombinationen beworfen wurden.
Der Klassenstandpunkt Errungenschaften der DDR wie Kinderbetreuungsstrukturen oder soziale Sicherheit flackern jeweils nur kurz auf, werden als Alibiübungen hingestellt und zerfallen angesichts der Übermacht an Warenfetischismus und bürgerlicher Ideologie. Der Westen wird als beglückendes Reich von Friede und Freiheit nicht ausgemalt, aber angedeutet. Ein Aktivist erzählt seiner Freundin in einer stillen Stunde einmal, er habe in einem Schulaufsatz eine schlechte Note bekommen, weil er ohne präzisen Klassenstandpunkt geschrieben habe. Antikommunistischer Spott schwingt hier mit, der sozialistische Begriff wird als absurde und hohle Rhetorik hingestellt.
Reduktion und Aburteilung Den Zeitzeugen und nachfolgenden Generationen will man mit dem Zweiteiler ein einseitiges Bild einbrennen, ein paar Mal kommen Faschismus-Vergleiche. Auch der TV-Spielfilm „Das Leben der anderen“ von 2006 reduziert die Deutsche Demokratische Republik auf die Überwachung von Oppositionellen und die beschränkte Reisefreiheit und urteilt sie damit ab. Das war nicht die vollständige Lebenswelt der DDR-Bürger, das sind Aspekte der damaligen Realität, aufgeblasen zu Klischees und Propaganda. Lenken auch prächtig ab von kapitalistischen Schandtaten in aller Welt.
Taumel der Westeuphorie Spannende Verfolgungsjagden durch Hinterhöfe und Treppenhäuser, Spitzel-Verdächtigungen, fiese Verhöre, Liebesszenen - an den zwei Fernsehabenden wachsen die Hauptfiguren dem Durchschnitts-Zuschauer ans Herz, man fiebert mit: „Wir sind das Volk!“. Und als dann am 9. November 1989 die Schlagbäume aufgehen, gehen auch die Herzen auf. Alle lieben sich und teilen den Taumel der Westeuphorie. Die früher unerbittlichen Grenzer strahlen, werden umarmt, BRD-Fahnen tauchen auf, die bösen Sozialisten haben ausgespielt.
Wie im US-Actionfilm ist der Feind kaltgestellt, die Welt befreit und öffentliche wie private Probleme sind gelöst. Jeder kann jetzt reich und ein Star werden. Höhepunkt der Rührung bildet die Familienzusammenführung ganz am Schluss. Spätestens jetzt muss zu den Papiertaschentüchern gegriffen werden, für die bei der Erstaufführung selbstverständlich auch ein Werbespot an geeigneter Stelle eingeschoben worden ist.
Nicht ohne Feindbild P.S.: Ohne Feindbild ging’s in der politischen Realität dann auch wieder nicht. Asiatische Länder taugten wenig für diese Rolle, die Moslems, die alten Konkurrenten, liessen sich leichter einspannen.
Die Aufbereitung der „wilden Siebziger“ in den Medien stürzt sich gerne auf Exzesse oder was sie dafür hält und blendet das wirklich Interessante aus - auch das neue Buch des französischen Autors Alban Lefranc.
Hippies, Künstler und Studenten griffen teilweise zu harten Methoden, um die für die meisten unbewusste Fremdbestimmung in sich selbst und in der Gesellschaft zu bekämpfen. Mit Faszination und moralischer Distanzierung reagiert deshalb das bürgerliche Mainstream-Publikum auf die Themen „freier Sex“, „Drogen“ und „Terrorismus“. Bei LSD, Heroin und Co. werden typischerweise die Stoffe zum Problem gemacht, um die gesellschaftlichen Probleme aus dem Gesichtsfeld zu rücken, beim bewaffneten politischen Widerstand wird kräftig an der Brutalisierung und Entpolitisierung seiner Protagonisten gearbeitet.
Plattitüden und Schwülstigkeiten Toll treibt es Alban Lefranc in seinem Ende 2008 deutsch übersetzt erschienen Buch „Angriffe“. Er schreibt darin über die Sechziger-/Siebziger Jahre-Ikonen Rainer Werner Fassbinder, Bernward Vesper und Nico. Der Schaumschläger gibt gut verkäufliche Plattitüden, Verallgemeinerungen, Schwülstigkeiten und respektlose Fantasien als literarische Prosa aus. Die Berliner Polithippies der frühen Siebziger klassiert der 1975 Geborene pauschal ab als eine Bande beschränkter, vergnügungssüchtiger Studenten.
Privatisierung der Motivationen Andreas Baader zeichnet Lefranc (wie bereits Markus Imhoof 1986 in der Verfilmung von Bernward Vespers „Die Reise“) als gewalttätigen Crétin. Baaders und Ensslins Militanz findet er begründet in ihrer sozialen Ausgrenzung im Kindesalter als Folge eines Sprachfehlers bei beiden. Ulrike Meinhofs „blinde Wut“ ist für ihn wissenschaftlich belegt als Spätfolge einer Hirnoperation zu verstehen. Den Schriftsteller Bernward Vesper reduziert er auf ein Produkt aus dem übermächtigen Vater (Nazi und Schriftsteller Will Vesper) und aus einem Komplex gegenüber Gudrun Ensslin. Im Moment des Freitods unterstellt er ihm eine belanglose Wichsfantasie.
Aufgeblasene Projektionen Den Filmregisseur Fassbinder versteht Lefranc noch einigermassen, geilt sich aber auch kräftig auf an Kokain, Blut, Rotz, Sperma und Unordnung. Am Respektlosesten treibt es der Autor mit den Frauen. Eine belästigt und erniedrigt er mit seinen sexuellen Fantasien: Er schreibt den Monolog eines Pornofilm-Regisseurs an die stumme Darstellerin Gudrun, die „zu kleine Titten, zu wenig Fleisch auf den Rippen und zu schmale Lippen“ habe, und, um diese Mängel zu kompensieren, „auch Ärsche lecken und bis zum Erbrechen Schwänze schlucken“ müsse. Christa Päffgen, die spätere Andy-Warhol-Künstlerin Nico, entgeht kurz nach Kriegsende knapp seiner verbalen Vergewaltigung, weil sie erst sieben Jahre alt ist.
Klischees und Körpersäfte Über sich und seine Erfahrungen weiss er nichts zu berichten, er schändet lieber Tote. Klischees und Körpersäfte interessieren ihn, nicht die emanzipative Kraft von Nicos und Velvet Undergrounds Musik, nicht der Aufbruch einer Generation. Über Nico erfährt man in „Nico Icon“ wesentlich mehr und Differenzierteres. Susanne Ofterdingers Film hält sich nicht an Nazischlampen- und Junkieklischees, sondern zeigt ein breit angelegtes Bild der faszinierenden Künstlerin, die sich von Mainstream und Modeldasein verabschiedet hat, eigene Wege gegangen ist und europäische Musik in avantgardistische Popmusik integriert hat.
Mit klarem Blick Bernward Vesper schreibt in seinem Romanessay „Die Reise“ viel über Felix, den gemeinsamen Sohn mit Gudrun Ensslin, mit dem er zusammenlebte. Er schaut mit klarem Blick in seine Kindheit der Vierziger Jahre, auf die religiöse Erziehung und Sexualunterdrückung, auf seine Beziehungen mit Gudrun Ensslin und anderen Frauen, verdaut. Analysiert mit marxistischer Bildung Gesellschaft, Wirtschaft, kollektive Psyche und die Naziideologie seines Vaters, die er sich jahrelang anhören musste und die er teilweise verinnerlicht hatte. Er erzählt von der patriarchalisch phantasierten Indianergeschichte „Tecumseh“ mit seinen brutalen Riten, geschrieben von einem Freund seines Vaters. Tecumseh überlebte das Dritte Reich und galt auch in der Bundesrepublik als pädagogisch wertvolle Jugendlektüre.
Ernsthaft und diszipliniert Einen grossen Teil der nicht ganz abgeschlossenen „Reise“ bildet ein 24-stündiger Trip Vespers, der in Imhoofs entpolitisiertem Film ignoriert wird. Auch die LSD-Erlebnisse und -Erkenntnisse zeigen das Bild eines Menschen, der ernsthaft und diszipliniert bestrebt ist, sich von verinnerlichter Ideologie zu befreien, Bewusstsein und Solidarität zu entwickeln. Zuletzt nimmt er den Ausgang durch Selbstmord; Ignoranz und Gewalt der Menschenwelt sind ihm vermutlich schlecht bekommen.
- Bernward Vesper: „Die Reise“, Romanessay, 708 S., März Verlag 1977 und Rowohlt Taschenbuch 1983
- Alban Lefranc: „Angriffe“, Drei Kurzromane über Fassbinder, Vesper, Nico, 323 S., Blumenbar Verlag 2008
In den wilden Endsechzigern entstanden aus dem Schwung der Hippiebewegung neue Formen und Stile der Popmusik. Ein Blick auf „Sergeant Pepper at the gates of dawn“ und den Summer of Love 1967.
Fotos: db.
„Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“, hiess das im April 1967 erschienene achte Album der Beatles. Wachtmeister Pfeffers Band des Clubs der einsamen Herzen erregte Aufsehen, nicht nur wegen des besonderen Covers mit in den Bildhintergrund geschnittenen Berühmtheiten wie C. G. Jung, Karl Marx, Marilyn Monroe oder Bob Dylan. Klangfarben der Gitarren-, Streicher- und Sitarstimmen und insbesondere Lieder wie „Lucy in the Sky with diamonds“ oder „Within you without you“ legten die Vermutung nahe, dass bei ihrer Erarbeitung nicht nur Cannabis- sondern auch LSD-Genuss eine Rolle gespielt haben musste. Songs wie „Tomorrow never knows“ und „I’m only sleeping“ vom vorhergehenden Album „Revolver“ hatten bereits in Musik und Text psychedelisch getönt: “Turn off your mind , relax and float downstream“, sang da etwa John Lennon mit meditativer Ruhe.
Sinnliche Erlebnisse Gleichzeitig mit den Aufnahmen der vier Liverpooler für „Sgt. Peppers“ befand sich die britische Gruppe Pink Floyd in den EMI-Apple-Studios und arbeitete mit dem kreativen Mastermind Syd Barrett an ihrem Debüt „The piper at the gates of dawn“, das ebenfalls ein Meilenstein der psychedelisch-elektronischen Rockmusik wurde. Die beiden Bands kannten sich, vermutlich tauschte man Musik- und Trip-Erfahrungen aus. „Piper“ ist einer, der pfeift oder Dudelsack spielt, bei Pink Floyd also offenbar ein Musiker, der an den Pforten der Morgendämmerung steht. Das Hören des Albums zeigt, dass der Pfeifer nicht im Zwielicht stehen bleibt, sondern mit Gelassenheit durch das Tor weiter geht in den Tag hinein zu neuen Ufern, Horizonten und sinnlichen Erlebnissen.
Therapien und Unfälle Der Basler Chemiker Albert Hofmann entdeckte 1943 zufällig die halluzinogenen Eigenschaften des Lysergsäure-Diäthylamid-Moleküls, als er mit Mutterkornderivaten experimentierte, von denen einzelne als Medikamente auf den Markt kamen. Das LSD selbst wurde erst Ende der Sechziger Jahre auf Druck der USA verboten. Bis dahin hatte die Psychiatrie die Substanz für Gruppentherapien eingesetzt, die Hippiekommunen sahen ihren Genuss als mystische Feier der Einheit mit der Schöpfung und als Schlüssel zu Spiritualität und Persönlichkeitsentwicklung, zu Liebe, Respekt und Friede auf dem Planten. Aus Unerfahrenheit, Selbstüberforderung und mangelndem Respekt vor Psychedelika kam es dabei auch zu Exzessen, Horrortrips und Unfällen. Ärzte und Wissenschafter setzen sich heute ein für ein Entkriminalisierung mindestens des therapeutischen Gebrauchs von LSD.
Mantrische Monotonie An einem schönen
Augusttag 1965, im Jahr des Erscheinens ihrer Alben „Help!“ und „Rubber
Soul“, hatten die Beatles einen gemeinsamen LSD-Trip in Los Angeles mit
der US-Band The Byrds unternommen. „Da sie die LSD-typischen
Verzerrungen der Wahrnehmung und intensivierten Sinneseindrücke
musikalisch umsetzen wollten“, schreibt der Rockpublizist Simon
Reynolds, „arbeiteten beide Bands mit ‚verschmierten’ Klängen und einer
Spieltechnik, die die chromatische Wirkung ihrer Songs verstärkte.“
Reynolds spricht auch anschaulich von “Klangwolken, die aus den
Lautsprechern strömten und den Hörer umfingen.“ In der Studiomusik
von Beatles und Pink Floyd mischen sich ornamentale Klanggebilde,
exotische Klangfarben, Avantgarde-Elektronik und mantrische Monotonie
zum die Sinne bereichernden und erweiternden Genuss. Die Texte erzählen
von erhellenden und manchmal von düsteren Trip-Erfahrungen.
Musikalische Öffnungen Diese
Erfahrungen und Einsichten führten bei Musikern zu manchen persönlichen
und musikalischen Öffnungen und Bereicherungen. Wie andere US-Bands
(Grateful Dead, Jefferson Airplane) waren die Byrds von
nordamerikanischem Folk und Country beeinflusst, aber auch von
indischer klassischer Musik und modalem Jazz. Etwas anders die
britischen Beatles: Sie gingen aus vom faszinierenden Rock’n’Roll und
Rhythm’&Blues der Fünfziger Jahre und probierten ab 1965 immer mehr
Stilrichtungen aus, arbeiteten – wie Amon Düül, Yes, Led Zeppelin, Deep
Purple, Queen und viele europäische Rockbands - vermehrt mit
europäischer Musik. John Lennon bastelte Klang- und Geräuschcollagen
wie „Revolution 9“ und den heiter verspielten Song „You know my name“
(Anthology 2), in dem bruitistische Poesie, Avantgardemusik, Ska und
alter Jazz vergnüglich vereint werden. Irgendwo zwischen Europa und USA
musizierten der Ami Jimi Hendrix und seine britische Band, und sicher
gehörten sie zu den Wildesten und Ausdrucksstärksten dieser
psychedelischen Zeit.
Von Glam bis Free Auch
Pink Floyd erweiterte das Klangspektrum, arbeitete mit Geräuschen und
langen Repetitionen ohne Refrain und gab damit wie andere viele Impulse
auf die elektronische und experimentelle Musik der folgenden
Jahrzehnte, auf den Glam-Rock von David Bowie, die Klangräume von Brian
Eno oder Sonic Youth. Die oft sphärischen Floyd-Klänge wurden garniert
mit einer zunehmend differenzierten Lightshow. Bands mit einem Hang zur
Kunstszene wie Velvet Underground setzten auf der Bühne ebenfalls
Licht, Formen und Farben als Stilmittel ein. Pink Floyd verstieg sich
später zunehmend in kommerziellen Monstershows. Der kreative
psychedelische Aufbruch der Endsechziger brachte nicht nur ein Revival
von Country, Blues und Folk, sondern auch neue Richtungen wie
Progressive- und Jazz-Rock, Free-Jazz und Worldmusic hervor.
Dramatik und Nostalgie „Sgt.
Pepper“ ist wie jedes normale Album aus verschiedenen Einzelsongs
möglichst stimmig zusammengesetzt, suggeriert aber einen dramatischen
Bogen mit der fiktiven Band in farbigen Kostümen, der Figur des
Entertainers Billy Sheers, der Variétéatmosphäre in „Mr. Kite“ und der
Opernstimmung in „A day in the Life“. Diese Stilmittel machen noch
keine Rockoper, haben aber vielleicht Pete Townsend und The Who auf die
Idee gebracht, die allererste Rockoper „Tommy“ zu kreieren. Das
Hippie-Element des „Zurück zur Natur“ und zur Vergangenheit lebte
weiter in Jethro Tulls nostalgischen Liedern vom einfachen Landleben
oder in Genesis’ Märchen und Räubergeschichten aus alter Zeit,
angerichtetet mit wagnerianischer Pop-Ästhetik.
Die wilden Sechziger:
- 1967 Summer of Love in USA und Europa: Happenings, Kommunen, neue Formen des Zusammenlebens, Frieden, Psychedelik und Spiritualität - 1968 Politisierung der Bewegung: Marxismus, Philosophie, steigende Neigung zur Stimulanz durch Alkohol - 1969 Rückschläge
nach dem positiv ausstrahlenden Woodstock Festival: Schlechte Stimmung,
Fehlgeburten und ein Mord am Altamont Free Concert. Gewaltsame
polizeiliche Räumung des besetzten „People’s Park“ an der
kalifornischen Berkley-Universität im Auftrag von Gouverneur Ronald
Reagan, Strassenschlachten - Revival der Hippie-Bewegung Ende
70er-Jahre: Öko-, Friedens- und Anti-AKW-Bewegung; Einfluss auf Umwelt-
und Kulturpolitik vieler Länder
Text: Erschienen in Bieler Tagblatt 8.9.2007
Literatur:
Albert Hofmann: LSD – Mein Sorgenkind. Klett-Cotta 1979 (Klassiker).
Benjamin Fässler: Geist, Gesellschaft, Droge – Über das einseitige und oberflächliche Denken. Nachtschatten Verlag 2008.