Im heissen Sommer 1968 forderten Bieler Bewegte ein autonomes Jugendzentrum. Im umgebauten Gaskessel wurden dann Ideen in die Realität umgesetzt und allmählich entstand ein über die ganze Stadt verteiltes Netz von Tätigkeitsgruppen.
„Wenn du lange Haare hattest um 1970, das heisst ein bisschen über die Ohren oder so, hattest du in den meisten Beizen schlicht Eintrittsverbot“, erzählt Renato Maurer und lässt die Worte etwas wirken. „Und 1969, ich war frisch im Gymer, flog ein AJZ-Aktivist und Klassenbester ein halbes Jahr vor der Matur von der Schule, vom Rektorat wurde diese Massnahme begründet mit ‚wegen wiederholtem Nichtbeachten des Jeansverbots’. Das gab einen grossen Aufruhr an der Schule.“ Dazu war das Kulturangebot unmöglich: Vor 1968 existierten drei Konzertsäle in der Stadt Biel: Im Kongresshaus fanden klassische Konzerte statt, im Hirschen Ländlerstubeten und Old-Time-Jazz-Konzerte, im Volkshaus Arbeiter- und Marschmusik - und weit und breit kein Rock’n’Roll.
Aus dieser gesellschaftlichen und kulturellen Wüste erhoben sich über zweihundert Jugendliche und demonstrierten am 6. Juli 1968 ihre Solidarität mit der Zürcher AJZ-Bewegung. Renato Maurer, AJZ-Aktivist ab 1973 und heute Co-Herausgeber der dreibändigen AJZ-Geschichte: „An dieser Demo tauchte zum ersten Mal die Forderung nach einem AJZ in Biel auf.“ Der August 68 wurde heiss: Drei SP-Stadträte forderten in einer Motion den Gaskessel als Bieler AJZ, eine weitere Demo verlangte dasselbe. Auf dem nicht überbauten Areal des früheren Gaswerks standen zwei kuppelförmige Gebäudeteile, die Fundamente der bereits entfernten Gasbehälter. Der Gemeinderat beschloss den Erhalt der grösseren Kuppel, die kleinere wurde später abgerissen, obwohl die AJZ-Bewegung beide nutzen wollte. Ein provisorisches Aktionskomitee wurde gegründet und die Regionalzeitungen Bieler Tagblatt und Journal du Jura sammelten für das zukünftige Zentrum über 12'000 Franken.
Beatsoireen und Popkonzerte
Bis zu Baubewilligung, Umbau und Einrichtung des rostenden Rohbaus ohne Strom- und Wasseranschluss auf der Industriebrache sollte es aber noch dauern. Es gab interne Diskussionen um Buget, Umbau, Autonomie und darum, ob man auf das Begehren der Stadt nach der Gründung eines Vereins und der Ernennung von Verantwortlichen eingehen solle. Um die Forderung nach einem selbstverwalteten Zentrum zu verstärken, organisierte das Komitee des Jugendzentrums Feste und Konzerte neben dem Gaskessel, ein Popkonzert auf dem Strandboden, Beatsoiréen mit Schweizer Bands in Volkshaus und Kongresshaus. Fast jedes dieser Ereignisse führte laut Maurer in der Presse zu heftigen, giftigen Auseinandersetzungen, eine Beatsoirée wurde sogar von der Stadt verboten.
Der Umbau wurde im Herbst 1970 mit wenig finanziellen Mitteln (60'000 Franken Baukredit!) und viel Gratisarbeit angepackt und abends Lagerfeuerkultur gepflegt. Die offizielle Eröffnung war im Mai 1975 mit Fest und Rockmusik. 1994 kam die erste grosse Sanierung mit städtischer Finanzhilfe und wieder viel Gratisarbeit; die Annahme des Sanierungskredits 1993 war ein wohltuendes Vertrauensvotum für das AJZ gewesen.
Autonomie und politisches Engagement
Im AJZ Biel und in allen anderen, kurzlebigeren AJZs in der Schweiz ging es um Autonomie, um eine Abgrenzung gegen miefige Bürgerkultur in Familie, Freizeit und Arbeit. „Autonomie – ein schönes Wort“, meint der von der Realität ernüchterte junge Aktivist Martin, der in der letzten Zeit etwas auf Distanz mit dem AJZ gegangen ist.
Martin: Es stört mich zum Beispiel, dass im AJZ oft dieselben Leute lange Zeit aktiv sind und eine Tendenz zum Dominieren entwickeln.
Renato: Das war auch früher so! Und das Problem war bewusst, man versuchte entgegenzusteuern.
Martin: Ich will nicht die Arbeit der Tätigkeitsgruppen schlecht machen. Mich enttauscht es aber, dass keine politischen Aktionen und Bewegungen im AJZ entstehen, selbst die blosse Diskussion von politischen Veränderungen – das sehe ich im AJZ nicht.
Renato: Das AJZ war ein Ort, wo man ohne Kleider-, Frisuren und Benimm-Vorschriften selbst bestimmen, eigene Aktivitäten und Kulturveranstaltungen realisieren konnte.
Martin: Natürlich bietet das AJZ immer noch die Möglichkeit, Projekte zu starten, es ist ein Freiraum, heute, wo man oft gar nichts Eigenes hat, die Bedürfnisse der Leute unterdrückt werden. In der Regel wird das, was an Subkultur entsteht, sehr schnell kommerzialisiert.
Renato: Der Chessu hat sich zwar viel Autonomie bewahrt, ist aber heute ein Ort von vielen im Kulturangebot.
Damian: Und auch attraktiv, weil verraucht und verrucht.
Martin: Stimmt. Man geht in den Kessel, um ein bestimmtes Image, eine bestimmte Identiät zu haben.
Renato: In den Siebzigern musste man sich entscheiden, ob man Bürger oder Freak oder Punk war, es gab eine stärkere Auseinandersetzung mit Werten, heute haben wir eher Wertebeliebigkeit. Heute mischen sich die Szenen stärker, Konsum ist wichtig, politische Haltungen weniger. Reggaefans zum Beispiel kennen heute oft den politischen Hintergrund dieser Musik nicht mehr.
Martin: Damals herrschte eine repressive Stimmung, heute sind es Kommerz und Beliebigkeit.
Renato: Es beginnt weh zu tun, wenn das Leben nur noch aus Arbeiten, innerer Leere, Oberflächlichkeit besteht. 25 Prozent der Bevölkerung hat heute psychische Störungen. Wenn’s dann einen Ausbruch gibt, wird der stark. Und das AJZ wäre dann eine Infrastruktur für eine neue Radikalität. Die Schrottbar hatte Anfang der 90-er Jahre ein Haus besetzt, die Räumung stand bevor. Dann entstand die Idee, die Gemeinschaft auf Rädern wird AJZ-Tätigkeitsgruppe, das bedeutet Verhandlungen mit Hausbesitzer und Stadt unter Beizug eines Mediators. Man fand eine Lösung: Verlängerung, keine Räumung und Umzug unter die Autobahnbrücke im Bözingenfeld. Ohne Rückhalt durch das AJZ-Netz wäre auch die heutige Tätigkeitsgruppe LaBiu aus der Hausbesetzerszene isoliert.
Martin: Das stimmt. In Thun werden antifaschistische Spaziergänge und Hausbesetzungen sofort niedergemacht. Gäbe es dort ein vergleichbares Netz, stünden die AktivistInnen besser da.
Selbstverwaltung und Subventionen
Wichtigste Eigenheit des AJZ ist Selbstverwaltung und Konsensfindung. Ein gewähltes Komitee gab es nur kurze Zeit in den Anfängen. Einmal pro Woche treffen sich die VeranstalterInnen zur Sitzung der „Chessu“-Gruppe“, die BenützerInnen versammeln sich gleich anschliessend, die Vollversammlung ist oberstes Organ.
Im „Chessu“ finden heute neben Sitzungen und Versammlungen Veranstaltungen statt, vor allem Konzerte, dann der Kleinkunstabend „Es huere Cabaret“, Theatervorstellungen und Akrobatikkurse für Kinder. Tätigkeitsgruppen wuchsen allmählich aus dem Gaskessel heraus. Früh schon bildete sich ausser Haus die AJZ-Druckerei Commune Autonome mit Wohngemeinschaft. „Nach drei Monaten 24-Stundenbetrieb wurde im März 1981 klar, dass die Dauergäste unter der Kuppel einen Ort brauchten, um die Nächte zu verbringen“, sagt Renato Maurer. Die AJZ-Bewegten kämpften für eine Notschlafstelle und richteten in der Nähe das „Sleep-In“ ein, das noch heute als eine der 13 sozialen, politischen und kulturellen Tätigkeitsgruppen zum AJZ-Netz gehört.
Das AJZ-Netz als Ganzes und Tätigkeitsgruppen bekommen Subventionen von der Stadt Biel, haben einen Leistungsvertrag, der auch Umfang und Art der Eigenleistungen festschreibt. Das Netz bekommt 125'000 Franken, die Hälfte der jährlichen Betriebskosten, für spezielle Integrationsmassnahmen und an Veranstaltungsbetrieb und Unterhalt. Bekäme das AJZ mehrere Millionen wie die Rote Fabrik in Zürich, würden Professionalisierung und Kommerzialisierung schneller voranschreiten, ist Renato Maurer überzeugt: „Das wäre ein Mittel, um die Autonomie auszuhöhlen.“
Das Buch: Die Geschichte des AJZ Biel/Histoire du CAJ de Bienne, Band 1/Volume 1, 1968 – 1981, reich schwarzweiss illustriert, AJZ Eigenverlag.
Die Webseite: www.ajz.ch
Heute
steht die farbig bemalte Kuppel nicht mehr allein auf der
Industriebrache. Das ehemalige Gaswerkareal wird grosspurig überbaut,
mittelständische Wohnblöcke wurden bereits renditebewusst mit
Billigarbeitern aus dem Boden gestampft, nicht weit weg steht ein neues
Altersheim, im Norden wollen Orange und das Einkaufszentrum
expandieren, die Stadt plant ein Verwaltungszentrum und will das
Stadtzentrum hierher zu den modernen Bauten von Kongresshaus und
Feuerwehr neben den Gaskessel verlegen. Ein Klein-Brasilia soll
entstehen, Politiker und Unternehmer verewigen sich in Beton-, Metall-
und Glaslandschaften mit strengen geraden Linien und rechten Winkeln,
in Flanierzonen und Grüninseln - und mittendrin ist der Gaskessel.
Obwohl
der Platz enger wird, behauptet sich der „Chessu“. Die Stadt Biel
erklärte sich bereit, Geld zur Verfügung zu stellen für
Lärmschutzmassnahmen, für mehr Backstage- und Lagerraum für den
gewachsenen Veranstaltungsbetrieb und für den Ersatz der nahen Villa
Fantaisie, die unter anderem über einen Raum für kleinere
Veranstaltungen verfügt. Das Überbauungsprojekt Neubau private Bauten/
Verwaltungsgebäude und Anbau Gaskessel kommt im September in der Stadt
zur Abstimmung.
Der geplante Entwicklungsschritt verlangt eine
gewisse Anpassung und führt deshalb zu regen Diskussionen unter der
Kuppel: Die einen wollen nicht zu stark vereinnahmt werden und die
Autonomie im heutigen Rahmen beibehalten, die anderen sehen ihn als
Chance, den Gaskessel an diesem öffentlichen Ort zu öffnen und weitere
Bevölkerungskreise für die Anliegen des AJZ zu gewinnen.
Im Sommer 1968 tauchte in Biel zum ersten Mal die Forderung nach einem Autonomen Jugendzentrum auf. Daraus entstand eine Bewegung mit vielen spezifischen Projekten und ein breit abgestütztes autonomes Netzwerk, das heute noch existiert – ohne Professionalisierung, ohne Hierarchien.
Wie es sich für einen eher chaotischen Betrieb gehört, existierte bis jetzt auch kein Dokument, dass die Geschichte detailliert darstellt. Im dritten Anlauf und nach 'zig Recherchen und Diskussionen ist es soweit: Der erste Band vom Entstehen 1968 bis zu den Einflüssen der Jugendbewegung 1981 ist im Dezember 2008 erschienen. Band zwei über die Jahre 1981 bis 1993 ist in Arbeit und erseheint Ende 2010.
Kernstück des mit Faksimiles und Fotos reich illustrierten Buchs in deutscher und französischer Sprache bildet die chronologische Geschichte in vier Kapiteln. Dazu kommen weitere Texte zu Themen wie Autonomie und rechtliche Form, interne Strukturen und Finanzen sowie zu den politischen, kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Aspekten. Renato Maurer & Damian Bugmann, Text, Redaktion, Lektorat
Die Geschichte des AJZ Biel /Histoire du CAJ de Bienne, 1. Band/volume 1 1968–1981, 104 Seiten, Fr. 18.- plus Versandspesen. Im Buchhandel Fr. 23.- Bestellung und Infos: www.ajz.ch.
Ausserdem von Damian Bugmann im Eigenverlag LUX&BäR:
Der chinesische Bär, Geschichten und Musik, CD mit Gitarrist Philippe Delacombaz, 2010, Fr. 15.-
Hundefutter und Bierdosen, Geschichten, Gedichte, Fotografien, 2012, Fr. 15.-
Planet und Primaten, Prosa, Gedichte, Farbfotos, 2009, Fr. 15.- Kurzgeschichten, Kurzessays, Gedichte und Fotografien für Planet, Zivilcourage und Zivilgesellschaft.