1. Dossier Atom / Energie - AKWs und Kapitalismus stillegen - Harrisburg 1979, Tschernobyl 1986, Fukushima 2011 - Der Peak Oil ist da: jetzt handeln! Links
2. Unterschätzte Pflanzenwelt
3. Ritalingeschäft, Medikamentenmissbrauch bei Kindern
Copyright Text, Fotografie, Layout Damian Bugmann db -----------------------------------------------------------------------
Fokus Anti-Atom über die vom Aarewasser gekühlten Atomkraftwerke Mühleberg und Beznau I und II:
Bei einem für die Schweiz anzunehmenden Erdbeben ist seit 2002 für Mühleberg öffentlich bekannt, dass die Notsysteme (Brennelementbecken-Kühlsystem, Notstromdieselanlagen) versagen.
Möglich, dass bei einem solchen Erdbeben auch die - nur eine Flussschlaufe vor dem AKW liegende - Wohlensee-Staumauer bricht. Dabei würde das AKW und vor allem seine Ansaugvorrichtung für Kühlwasser, welche inmitten des Aarebetts liegt, von einer massiven Wasser-, Schlamm- und Geschiebemasse über- schwemmt. Damit wären auch alle erdbebengesicherten Notkühlsysteme tot.
Wie in Fukushima würde nach einiger Zeit die Notstromversorgung lahm gelegt. ( ... ) Die Brennelemente im Reaktor würden überhitzen. ( ... ) Parallelen mit Beznau sind offensichtlich.
Die zwei Reaktoren von Beznau hatten bisher weit mehr Reaktorschnellabschaltungen als die anderen Schweizer Reaktoren. Wie bei Mühleberg sind die Beznau-Reaktoren mangelhaft gegen Flugzeugabsturz gesichert, ( ... ) und dies, obwohl Beznau in der Anflugschneise des Flughafens Zürich liegt. Mehr: www.fokusantiatom.ch
Atomenergie:
- Gefährlich und zerstörerisch von Uranabbau über Normalbetrieb und GAU bis zur Entsorgung
- AKWs liefern Material für Atombomben und Uranmunition
- Regelmässige lokale und globale Verseuchung von Luft, Wasser, Erde, Pflanzen und Lebewesen, Zerstörung von Lebensräumen
- Big Business, Macht und Milliarden für wenige, Abhängigkeit und hohe Kosten für die Mehrheit
Pharaonische Jahrhundertprojekte werden jetzt als Alternativen ausgegeben und sollen die gedankenlose Verschwenderwirtschaft und bürgerliche Pfründen und Machtmittelretten: - Gigantische Staumauern, überflutete Alpentäler, verbaute Flussufer, zerstörte Lebensräume, Überflutungsgefahr - Koloniale Sonnenkollektor-Landschaften in Sahara und Mittelmeerraum und megalomane Windparks für Europa - Thermische Grosskraftwerke, die Kohle, Erdöl und Erdgas verbrennen
Am Sonntag, 22. Mai, fand der MenschenStrom 2011 mit über 20'000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern in der Region Beznau/ Würenlingen (drei Reaktoren!) statt.
Bis heute hat der Grösste anzunehmende Unfall (GAU)
von Tschernobyl vom 26. April 1986 Auswirkungen auf die Bevölkerung, vor allem auf jene
der Umgebung des Pannenreaktors.
Foto: greenpeace.ch
Grosse Mengen radioaktiver Teilchen
hatten sich 1986 durch Wolken, Wind und Regen auf grossen Teilen des
Planeten verbreitet. Mancherorts in Westreuropa und anderswo hatten
radioaktiv verseuchte Lebensmittel wie Gemüse und Milch vernichtet
werden müssen. In Pilzen und in Lebewesen am Ende der Nahrungsketten
hatten sich radioaktive Moleküle auch in den Jahren danach stark
angereichert.
Kompliziert und teuer Wie in den fortschritts- und technilogiegläubigen 1950-er und 60-er Jahren setzt die Atomindustrie auf Uranverbrennung. Nachdem man in den Sechzigern den Bau vieler AKW begonnen hatte, sank in der zweiten Hälfte der 70-er Jahre wegen des Widerstands aus der Bevölkerung und der zunehmenden Kompliziertheit und Kosten die Zahl der AKW-Aufträge. Der Unfall von Harrisburg Ende März 1979 und die Katastrophe von Tschernobyl Ende April 1986 führten dann zur Stagnation des Atomkraftwerkbaus.
Energielücken-Propaganda Trotz der Risiken und um die Branche mit Aufträgen zu versorgen, versucht die Atomindustrie, mit der Beschwörung der kommenden Energielücke Atomlaune zu machen, die subventionierte gefährliche Technologie zu pushen und neue Kraftwerke politisch durchzudrücken. In den 70er Jahren tönte sie: „Kernenergie oder die Lichter gehen aus“. In den 80er Jahren lautete die Propaganda: „Kernenergie oder Waldsterben“. Und seit den 90er Jahren heisst es: „Kernenergie oder Klimakatastrophe“. Hochrisikotechnologie wird hier wie im Agrobusiness als Allheilmittel angepriesen, verschlimmert aber hier wie dort die Probleme und die Abhängigkeit von der Industrie.
Super-GAU Fukushima März 2011 Drei neue Kraftwerke will die Industrie in Beznau,
Mühleberg und Gösgen bauen. An diesen Standorten wird wenig Widerstand
erwartet, da dort bereits seit Jahrzehnten AKWs stehen.Die
gigantische Atomkatastrophe Fukushima 2011 mit verheerender Verstrahlung in Japan und
weltweiten Folgen hat die hochriskanten Pläne der Atomindustrie in der
Schweiz wahrscheinlich nicht verhindert, sondern nur verzögert.
Zu
einer partiellen Kernschmelze kam es im Atomkraftwerk bei Harrisburg in
Pennsylvania am 27. März 1979. Nur wenig fehlte, und der Unfall hätte
so schlimm geendet wie jener von Tschernobyl.
Nach
nur 88 Tagen am Netz entwichen 1979 aus dem AKW „Three Mile Island“ bei
Harrisburg USA grosse Mengen radioaktiver Schadstoffe.
Die
Reaktoren der dritten Generation, die derzeit in Finnland und
Frankreich gebaut werden, sind zwar so konstruiert, dass mehr
Ersatzsysteme einspringen können, wenn wie in Harrisburg Teile der
Anlage ausfallen. Aber selbst der Erbauer dieser neuen AKW, der
Energiekonzern EDF, musste in einem Schreiben an die französische
Reaktorsicherheitskommission einräumen, dass die Sicherheitskonzepte
„nicht alle Eventualitäten einschliessen können“. Es ist der
Reaktortyp, den die grossen Energieunternehmen Axpo, BKW und Alpiq in
der Schweiz gerne bauen möchten. Soweit Nils Boeing, viele weitere
interessante Details der Harrisburg-Geschichte von Ende März 1979 und
ihrer Folgen liefert er auf sonnenseite.com
Selbsthilfe, Solidarität, Suffizienz, Ressourcengerechtigkeit und erneuerbare Energien sind Teil der Lösung. Einige nehmen lieber den bequemen Weg mit Monopolen, Ausbeutung, belastenden Treibstoff- Immissionen, Atomrisiko. (Foto: db)
Seit mehr als dreissig Jahren wissen wir, dass wir handeln müssen. Ausser dass viel geredet und geschrieben wurde, ist nicht viel passiert, um die enorme Klima- und Energiekrise abzuwenden, die auf uns zukommt.
Erdöl-Verknappung verschoben Die Energieperspektiven des Bundesamts für Energie rechnen erst ab 2030 mit der Erdöl-Verknappung, die Internationale Energieagentur IEA der OECD ebenfalls. Die IEA wünscht sich und der Industrie im World Energy Outlook 2007 einen Anstieg des Primärenergieverbrauchs von 55 Prozent von 2005 bis 2030, zur Hauptsache abgedeckt durch Erdöl. Und bis dann sollten die nötigen Atomkraftwerke politisch durchgedrückt und gebaut sein, welche die „Energielücke“ zusammen mit Agrotreibstoffen schliessen sollen.
Probleme schon vor 2030 „Nur das Öl, das bereits gefunden wurde, kann gefördert werden“, kommentiert Bernhard Piller von der Schweizerischen Energie-Stiftung SES die fantastischen Prognosen der IEA in Widerspruch Nr. 54. Laut dem „Alternative World Energy Outlook“ der NGO Energy Watch Group hat die Weltölförderung 2006 nämlich ihren Höhepunkt erreicht und wird zukünftig jährlich um mehrere Prozente zurückgehen. Aber Förderung und Handel, eine grosse Industrie, wollen jetzt und möglichst lange so viel Menge und Gewinn aus dem Boden pressen, wie wahrscheinlich gar nicht drin ist. Hier sieht Piller noch vor 2030 eine grosse Energiekrise auf uns zukommen.
Vollversorgung mit erneuerbaren Energien Bundesrat und Parlamente begnügen sich mit der Einspeisevergütung von 0,6 Rappen pro kWh konsumiertem Strom, die in erneuerbare Energien investiert werden sollen – Piller nennt sie einen Tropfen auf einen heissen Stein und fordert eine C02–Abgabe auf Treibstoffen von mehr als 50 Pappen pro Liter, soll etwas bewirkt werden: „Das einzige Ziel muss die Vollversorgung der Schweiz mit erneuerbaren Energien bis ins Jahr 2050 sein.“ Die Bundesräte aber versuchen lieber den heiss begehrten Treibstoff in Brasilien, Iran, Asien und anderswo zu beschaffen.
Alternativen, Engergieeffizienz und -gerechtigkeit Bernhard Piller versteht nicht, dass Erdöl so exzessiv verbrannt wird – nicht nur wegen der Umweltbelastung, sondern auch, weil es der zentrale Rohstoff für die chemische Industrie ist, der bald fehlen wird. Man könnte doch die verbleibenden Reserven langsam verbrauchen und mit voller Kraft Alternativen und Energieeffizienz entwickeln, schreibt er. Und er verlangt Energiegerechtigkeit durch unsere Selbstbeschränkung (Suffizienz) auf die 2000-Watt-Gesellschaft, durch Entwicklungshilfe und Technologietransfer in die benachteiligten Länder.
Differenzierter Überblick Die meisten Autoren und Autorinnen fordern im neuen „Widerspruch“ deutliche Paradigmenwechsel und Bewusstseinsänderungen. Sie sehen die politisch-wirtschaftlichen Mächte und ihr Stimmvolk, die dem entgegenstehen, ebenso wie Pläne und Umsetzung von Alternativen. Das Buch gibt einen differenzierten Überblick über die aktuelle Diskussion um Energie und Klima aus ökosozialistischer Sicht.
Ressourcengerechtigkeit, Energiegenossenschaften Der 2000-Watt-Gesellschaft widmet die Sammlung einen Beitrag, einen anderen der Ressourcengerechtigkeit: Heute eignet sich gut 25 Prozent der Weltbevölkerung etwa 75 Prozent der Ressourcen an. Weitere Analysen drehen sich um Folgen der Klimaerwärmung, Emissionshandel, Umwelt- und Klimapolitik, alte und neue Energiegenossenschaften, nachhaltige Natur- und Geschlechterverhältnisse, Energie- und Mobilitätswende, Agrotreibstoffe und Ernährungssouveränität.
Zitate aus: Bernhard Piller: Energiepolitik und Versorgungssicherheit in der Schweiz. In: Widerspruch, Beiträge zu sozialistischer Politik, Nr. 54: Energie und Klima. Paperback, 224 Seiten, 25 Franken. Erscheint zwei Mal pro Jahr.
Wird
eine Pflanze verletzt, so „wissen“ bald alle Blätter, wo der Angriff
stattfand und auch, wie stark er war – dank elektrischen Signalen, die
erst kürzlich entdeckt wurden. Viele neue Studien zeigen, dass Pflanzen
keine ‚Bio-Automaten’ sind. Auf Angriff von Schädlingen antworten sie
vielfältigst: Sie produzieren Toxine, verschliessen sofort die Wunden,
locken diverse Nützlinge herbei, kooperieren mit andern Pflanzen und
Tieren etc. Sie haben sogar ein Immunsystem. “Ihr Geheimrezept ist die
Vielfalt an Abwehrstrategien“, sagt ein Forscher: Ein grosses Potenzial
für die Landwirtschaft von morgen.
Quelle: Proplanta 5.3.09, laut Gentech-News Nr. 200, 6/09, Florianne Koechlin
Pflanzen pflegen eine differenzierte Kommunikation zwischen ihren Zellen und Teilen und mit ihrer Umwelt. Dies und mehr zeigt „PflanzenPalaver“, ein spannendes und aufschlussreiches Buch von Florianne Koechlin. (Foto: db)
„Es ist offensichtlich, dass das Potential der Pflanzenwelt bisher unterschätzt worden ist“, schreibt die Basler Biologin, Gentechnologie-Gegnerin und Mitglied der Eidgenössischen Ethikkommission für Biotechnologie im Ausserhumanbereich. Sie belegt diese Feststellung mit den Forschungen verschiedener Wissenschafter und den Erfahrungen von Landwirten. Innerhalb der etablierten Wissenschaft stösst sie damit aber auf viel Ablehnung.
Weiträumige Duft-Kommunikation Pflanzen benützten ein grosses Repertoire an Düften, um mit ihrer Umwelt in Kommunikation zu treten, sagt der Chemiker und Ökologe Wilhelm Boland vom Max-Planck-Institut Jena im Gespräch mit der Biologin. Die mechanische Beschädigung durch den Frass einer Raupe oder Blattlaus setze zum Beispiel bei der Limabohne sofort eine Duftstoffwolke frei: „Diese warnt die ganze Pflanze vor der drohenden Gefahr; alle Blätter beginnen mit der Produktion von Abwehrstoffen.“
Gezielt Nützlinge rufen Lasse sich der Esser von dieser Abwehr nicht beeindrucken, produziere die Pflanze ein neues Duftbouquet, um gezielt einen Nützling herbeizulocken. Boland: „Hochinteressant ist nun, dass die Limabohne nicht nur mitteilen kann, dass sie verletzt ist, sie sagt auch ganz genau, wer sie verletzt hat.“ So bittet sie jeweils die Raubmilben, Schlupfwespen oder Ameisen zu Tisch, die bei ihr ihre bevorzugten Mahlzeiten finden.
Einseitig auf Ertrag gezüchtet Die Autorin zeigt ebenfalls auf, dass Pflanzen nicht nur überirdisch mittels chemischer Botenstoffe äusserst weiträumig kommunizieren sondern auch unterirdisch - miteinander und mit Pilzen, Bakterien und Würmern. Beim Züchten und Genmanipulieren von Landwirtschaftspflanzen war und ist die Kommunikationsfähigkeit einer Pflanze kein Kriterium, es wird einseitig auf Ertrag gezüchtet. So erstaunt es nicht, dass die Monokultur-Pflanzen mit ihrer verarmten Sprache fleissig mit Pestiziden vergiftet werden müssen; Nützlinge werden dadurch rar und können nicht gerufen werden.
Mit der Natur arbeiten Erfolgreiche Landwirtschaft bedeutet nicht automatisch Stress, gesundheitsschädigende Schinderei und eine hohe Belastung der Ökosysteme. Dafür stehen Sepp und Veronika Holzer, österreichische Bio- und Permakultur-Bauern: Sie arbeiten gemächlich und mit der Natur, beobachten und unterstützen sie, ziehen tropische Pflanzen ohne Treibhaus auf 1300 Metern Höhe. Den Schweinen überlassen sie den Rest der Ernte im Acker, die Tiere pflügen und düngen die Erde vergnüglich und beiläufig beim Essen. Für aufbauende und ertragsreiche Agrikultur steht ebenfalls der naturnahe indische „Family Garden“ oder „Forest Garden“, ein reichhaltiges Ökosystem, bestehend aus Bäumen, Büschen und Gemüsen, welches das ganze Jahr und auch bei Trockenheit Nahrung bereithält.
Rechte von Pflanzen Florianne Koechlin hat nach Reisen in Europa und Indien in ihrem neusten Buch Gespräche mit Wissenschaftern, Landwirten und einer Künstlerin zusammengestellt, ergänzt und kommentiert. Die einzelnen Interviews und Begegnungen sind gut zu einem Ganzen zusammengefügt. Sie spricht von differenzierter, weiträumiger Kommunikation und von einem Nervensystem der Pflanzen, aber nicht von Geist oder Seele: Die Wissenschafterin hält diese Betrachtung für unwissenschaftliche und esoterische Spekulation.
Das Buch ergänzt und rundet Koechlin ab mit selbst gemachten Bildern: farbige und schwarzweisse Fotos und die zweifarbige Tuschzeichnung auf dem Umschlag. Für Interessierte hat es vertiefende Anmerkungen und Literaturangaben. Angefügt sind auch die von 15 WissenschafterInnen erarbeiteten „Rheinauer Thesen zu Rechten von Pflanzen“, ein von Koechlin initiiertes Projekt.
Das
den Lifestyle-Medikamenten Amphetamin, Prozac und Ecstasy ähnliche
Chemikalie Methylphenidat soll bei Kindern Nervosität und Zappeligkeit
bändigen und bei Jugendlichen die Konzentration auf Arbeits- und
Lernprozesse fördern. Experten schätzen, dass heute über
20 Millionen Kinder und Jugendliche auf unserem Planeten dieses
Medikament einnehmen. Etwa sechs Prozent aller Kinder sollen in der
Schweiz Methylphenidate konsumieren, um 700 Prozent zugenommen haben
soll der Konsum hierzulande zwischen 1996 und 2000. Statistische Zahlen
werden laut Swissmedic nicht erhoben.
- Komplementärmedizinische Massnahmen:
Alle Massnahmen, die begleitend und ergänzend zu einer
schulmedizinischen Behandlung im Rahmen eines auf den Patienten
abgestimmten Konzeptes angewandt werden. (Dr. med. Ralph-Ingo Hassink)
- Alternativmedizin:
Hat im Unterschied zu der im Westen am meisten praktizierten
Schulmedizin ein anderes Verständnis zur Entstehung von Krankheit und
ihrer Symptome und verfolgt einen vollkommen anderen Ansatz zur
Behandlung. (Homöopathin Dr. med. Petra Fuchs)
- Naturmedizin:
Medikamente der Pharmaindustrie zwingen dem Körper eine Funktion auf,
Naturmedizin hingegen reguliert und harmonisiert, baut Körper und Geist
auf. (Naturärztin Ursula Eggimann)
Dauermedikation mit Ritalin ist nicht das einzige Mittel zur Behandlung der Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung ADHS. Homöopathie und andere alternativ- und naturmedizinische Methoden helfen sanft und umfassend.
Schulmedizin und Pharmaindustrie gehen bei ADS und ADHS von einem genetischen Schaden und einer Stoffwechselstörung im Vorderhirn aus. Da das Dopamin freisetzende Molekül Methylphenidat die Aufmerksamkeitsstörung oft lindert, geht man in der herkömmlichen Lehre davon aus, dass unkonzentrierte Jugendliche und hyperaktive Kinder zuwenig von diesem Botenstoff selber produzieren können. Daher propagiert und verabreicht man als Haupttherapie Methylphenidat in Tabletten, bekannt unter Produktenamen wie Ritalin oder Concerta (siehe auch Separattext).
Ganzheitliche Behandlung Kritiker hingegen fordern ein Wegkommen von der einseitigen neurologischen Sicht und der Unterdrückung der Symptome. Und sie fordern ganzheitliche Behandlungskonzepte, Alternativen zur schädlichen Dauermedikation, den Einbezug von Ernährung, von Lebens- und Arbeitsumständen und von wichtigen Familienmitgliedern und Bezugspersonen in die Therapie. Psychische und soziale Probleme könnten nicht mit einem chemischen „Wundermedikament“ gelöst werden, viele Kinder brauchten in der schwieriger werdenden Konkurrenz- und Konsumgesellschaft Begleitung, Förderung und Eltern, die vernünftige Grenzen setzen und auch „nein“ sagen könnten - und nicht eine forcierte Integration in Schul- und Arbeitsstress mit Hilfe eines Medikaments. Lange wurde der Ritalinboom hierzulande als typische Übertreibung der US-Bürger abgetan. Dank intensiver Bewerbung von Ärzten und Psychiatern durch die Pharmaindustrie stiegen aber auch in Europa die Verkäufe von Methylphenidatprodukten. Der sprunghafte Anstieg der Anzahl an regelmässigen europäischen Konsumenten in den 90-er Jahren entfachte in den Medien eine rege Ritalindiskussion. In den Informationsmedien spielt das Thema inzwischen eine untergeordnete Rolle, im Internet aber wird immer noch heftig informiert, gebloggt und für schulmedizinische oder alternative Therapien argumentiert.
Sehr häufige Alternative Alternative Therapien wie die Homöopathie werden in der schweizerischen und europäischen Öffentlichkeit oft gerne mangels besserer Kenntnis als Glaubenssache und zur Heilung ernsthafter Krankheiten völlig ungeeignet hingestellt. „Aus meiner Praxiserfahrung kann ich sagen, dass die klassische Homöopathie sehr häufig eine Alternative zur schulmedizinischen Behandlung mit Ritalin ist“, so die im Kanton Bern praktizierende Ärztin und Homöopathin Petra Fuchs. Ein punktuelles Zusammengehen schliesst sie nicht aus: „In Ausnahmesituationen, zum Beispiel in ausgesprochen starken familiären oder beruflichen Belastungssituationen, kann es bei mir vereinzelt zu einer phasenweise zusätzlichen Medikation mit Methylphenidat kommen.“
Ritalin als Ausnahme In ihrer Praxis hat Fuchs bisher Patienten in unterschiedlichen Situationen behandelt: Kinder mit der Erstdiganose ADHS oder solche, die bereits seit einiger Zeit Medikamente einnehmen, deren Eltern aber nach Alternativen suchen. Und Erwachsene, bei denen erst im Erwachsenenalter die Diagnose gestellt wurde - mit und ohne Ritalin. „Sowohl Kinder als auch Erwachsene, die bisher noch kein Ritalin oder vergleichbare Medikamente eingenommen haben, erhalten in meiner Praxis nur die homöopathische Medikation“, hält Petra Fuchs fest. „Finde ich das entsprechende homöopathische Heilmittel für den Patienten nicht, muss die Homöopathie zunächst eine Begleitung bleiben“, so Fuchs, „treten aber beobachtbare Veränderungen im Sinne der Besserung ein, wird das Ritalin langsam reduziert und dann abgesetzt.“ Begleitend zur homöopathischen Behandlung empfiehlt sie je nach Situation Elternberatung, pädagogische Therapie und Einzel- oder Familientherapie.
Komplementärmedizinisch Nicht ganz unberührt von Alternativen ist ein Teil der heutigen Schulmedizin. In der Behandlung von ADHS im Zentrum für Entwicklungsförderung und pädiatrische Neurorehabilitation Z.E.N. in Biel nehmen die so genannten Standard-Therapien Medikation mit Methylphenidat und Verhaltens- oder Familientherapie zwar eine zentrale Stellung ein. „Die Standard-Therapien wirken auf die Kernsymptome des ADHS“, sagt Chefarzt Ralph-Ingo Hassink. Zum Bieler Behandlungskonzept von ADHS gehören aber auch Heilpädagogik, Ergo- und Logopädie sowie komplementärmedizinische Massnahmen wie Homöopathie, Akupunktur und Diäten. Am Z.E.N. werden im Rahmen des Projekts der „Integrativen Medizin“ auf den Patienten abgestimmte komplementärmedizinische Massnahmen eingesetzt. Die Effizienz dieser „Nicht-Standard-Therapien“ sei zwar aus wissenschaftlicher Sicht teilweise (noch) unklar oder fehlend, so Hassink, sie verbesserten aber den „allgemeinen Gesundheitszustand“ des Patienten und dadurch auch indirekt die spezifischen Symptome des ADHS. „Die Homöopathie hat sich mit einer monatlichen Sprechstunde im Institut Z.E.N. etabliert. Sie ist in diesem Zusammenhang für uns die seriöseste Therapie,“ sagt Hassink und verweist auf eine neuere Studie des Inselspitals Bern. „Man kann auch zuerst mit Homöopathie behandeln, und erst wenn’s nicht funktioniert, Methylphenidat einsetzen.“ Entscheidend für die ADHS-Diagnose sei das Gesamtbild des Kindes, seiner Stärken, Ressourcen und seiner mangelhaft ausgebildeten Stärken. Und zu aller erst werden laut Hassink in seinem Zentrum immer die erzieherischen und pädagogischen Massnahmen eines ADHS-Kindes optimiert.
Möglichst schnell absetzen Seit elf Jahren behandelt sie Patientinnen und Patienten, bei denen die Schulmedizin ADS und ADHS diagnostiziert: Ursula Eggimann, Naturärztin NVS/EMR mit den Spezialgebieten Homöopathie, Kinesiologie, Bioresonanz und Pflanzenheilkunde in Grenchen/Solothurn. Ihre Praxiserfahrung zeige ganz klar, dass Ritalin keine Heilung sondern nur eine Verlagerung der Grundproblematik bewirke und andere Krankheitssymptome hervorrufe. „Mein Ziel ist es immer, Ritalin möglichst schnell abzusetzen“, sagt Ursula Eggimann. „Je länger aber das Präparat eingenommen wurde, desto länger dauert die Absetzung.“ Inzwischen seien die gravierenden Nebenwirkungen und Folgeschäden der länger dauernden Einnahme von Ritalin (Medikamentenabhängigkeit, Psychosen, Parkinson, Organschäden) durch Studien aus England und USA wissenschaftlich nachgewiesen. „Für mich kommen auch deshalb nur sanfte, nebenwirkungsfreie Therapien in Frage, die eine dauerhafte Gesundung bewirken“, so Ursula Eggimann.
Breite der Naturmedizin „In der Naturmedizin arbeiten wir nicht wie in der Neurologie mit dem Gedanken: Das Kind funktioniert nicht, wir müssen mit einer Chemikalie in den Hirnstoffwechsel eingreifen.“ Die gesamte familiäre und schulische Situation und die ganze körperliche Konstitution des ADHS-Patienten würden einbezogen, bei Kindern und Jugendlichen sei eine intensive elterliche Begleitung notwendig. Als Therapie wendet Eggimann nicht nur die Homöopathie an, sondern wählt aus der ganzen Breite der Naturmedizin das Passende für den Patienten aus. Sie weist Eltern und Kind auch auf eine ausgewogene und gesunde Ernährung hin und will wissen, ob das Kind an einer Schwermetallbelastung leide oder einen Nährstoffmängel aufweist: „Beides sind Faktoren, welche oft eine Blockade bewirken.“
Eigene Wesensäusserungen Im Grunde gehe es bei der ganzen Hyperkinese (Überaktivitäts)–Therapie darum, die durch Reiz- und Informationsüberflutung überbelasteten „Festplatten“ unserer „Gehirncomputer“ wieder zu entleeren, hält Eggimann fest, „und zu lernen, uns in vielerlei Hinsicht zu bezähmen.“ Dabei könnten Meditation, bewusst gesteuerte Bewegungsabläufe oder die Verbindung beider Techniken zu meditativer Bewegung und zur Konzentration des Geistes wie in Tai Chi oder Aikido ebenfalls helfen. „Die medizinische Therapie ist nicht ganz einfach und erfordert viel Spürsinn“, erzählt Ursula Eggimann aus ihrer Praxis, „aber es gelingt mir in vielen Fällen, eine wirkliche Befreiung der Seele aus den Zwängen vorgegebener Muster und eine Rückbesinnung auf beständige Werte und eigene, nicht überprägte Wesensäusserungen zu erreichen.“ Kürzlich sei eine völlig verzweifelte Mutter mit einem renitenten, supercoolen Jugendlichen zu ihr gekommen. Innerhalb von neun Wochen habe er sich dahingehend verwandelt, dass seine gesamte Umgebung sich über die erfreuliche Veränderung wunderte. Eggimann: „Die Beruhigung des energetischen Systems erfolgte in diesem Fall durch zwei homöopathische Mittel. Das eine diente der Symptomatik und das andere war sein ganz persönliches Konstitutionsmittel.“ Homööopathische Globuli geben bekanntlich nicht nur Impulse auf die Selbstheilungskräfte, sondern auch auf die Bewältigung von psychosozialen Schwierigkeiten und die Persönlichkeitsentwicklung.
Aktive Elternmitarbeit Erschwerend komme in der Therapie oft hinzu, dass Eltern schnell wieder von einer Behandlung Abstand nähmen, wenn die erste homöopathische Arznei nicht gleich den gewünschten Erfolg zeige und kaum dazu bereit seien einzusehen, dass sie in vielen Fällen selbst entscheidenden Anteil tragen am Sosein ihrer Kinder: „Es ist daher für mich unerlässlich, dass die Eltern aktiv an der Gesundung des Kindes mit helfen.“ Hilflosigkeit seitens der betroffenen Eltern und Erzieher sieht Eggimann oft, aber auch Ahnungslosigkeit, Gutgläubigkeit und Resignation mangels Alternativen seitens der Schulmediziner. Dazu gehe es um Geld und Macht der Produktehersteller. „Meine Aufgabe als Naturärztin ist es nicht aufzugeben, Alternativen im Sinne der Ganzheitlichkeit zu suchen, um der Verantwortung, die wir gegenüber unseren Kindern haben, gerecht zu werden und sie vor Medikamentenmissbrauch zu schützen“, bringt sie es auf den Punkt.